Im Zuge des G20-Gipfels war in Deutschland plötzlich wieder viel und alarmistisch von linker Gewalt, ja linkem Extremismus die Rede. Doch wer wird mit solchen Zuschreibungen adressiert? Valide Erhebungen über Rekrutierung, Zusammensetzung, innere Kommunikationsweisen, Assoziationsprinzipien und Entscheidungsprozesse der betreffenden Akteure und Gruppen stehen noch weitgehend aus.

Dies betrifft zum einen die erklärende Substanz der gängigen Zuordnungskategorien (Extremismus, Radikalismus, Schwarzer Block etc.), die überprüft und gegebenenfalls modifiziert bzw. durch alternative Begrifflichkeiten ersetzt werden müssen. Und es betrifft zum anderen und vor allem auch die Frage nach der Ethnologie der Militanz, d.h. die hermeneutischen Leerstellen bei der Analyse der sozialen Strukturen und Kommunikationsräume, der charakteristischen Symbole, Habitusformen und Riten, von Generationsbrüchen und Diskontinuitäten im Zeitverlauf – bei zugleich offenkundigen Tradierungen im Auftritt. Wer schließt sich militant linken Gruppen an, lassen sich biographische Regelmäßigkeiten identifizieren, quantitative Überzufälligkeiten in Familienhintergrund, sozialem Status, Bildungsniveau und Generationslagerung? In welchem Umfeld, aufgrund welcher Faktoren vollziehen sich Radikalisierungsprozesse? Zeigen sich charakteristische Muster des Zusammenschlusses, spezifische Organisationsstrukturen und Vernetzungsweisen, Willensbildungs- und Entscheidungsverfahren? Gibt es typische Kristallisationspunkte, an denen sich links-militanter Protest entzündet? Welche Ziele verfolgen die Aktivisten und einschlägigen Gruppen überhaupt, welche positiven Utopien und Gesellschaftsideale hegen sie jenseits bloß verneinender Anti-Haltungen?

Die Auftakttagung der Bundesfachstelle Linke Militanz am 30. November 2017 versucht, sich den aufgeworfenen Fragen zu nähern und dabei weiterführende Untersuchungsperspektiven zu identifizieren und neue Forschungen anzustoßen. Des Weiteren soll die Tagung den Raum und die Möglichkeit bieten, Forschende zu vernetzen und mögliche Kooperationen auszuloten sowie die künftige Arbeit der Bundesfachstelle vorzustellen.