Wer schon einmal an einer sich als »links« verstehenden Demonstration teilgenommen hat, dem*der wird ein Phänomen bekannt sein: Sprechchöre à la siamo tutti antifascisti oder das Anstimmen von Partisanenliedern wie bella ciao gehören fast schon zum selbstverständlichen Programm. Der sich popkulturell gebärdende Verweis auf italienische Einflüsse kommt freilich nicht von ungefähr. Ein Blick in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts offenbart uns den konstitutiven Impuls der italienischen radikalen Linken. Schon in den 1970er Jahren galt Italien »als das europäische Land mit dem höchsten Entwicklungsstand der Klassenauseinandersetzung«[1] und die Faszination für den italian way einer außerparlamentarischen, linken Gegenbewegung beeinflusst bis heute die globalen Protestbewegungen bspw. in Form der Antiglobalisierungsbewegung seit den 1990er Jahren.[2]

Hier soll der Versuch gewagt werden, nachzuzeichnen, in welcher Form Italien seit den Arbeiter*innenaufständen[3] in den 1960er Jahren bis hin zu prominenten Gruppen der Antiglobalisierungsbewegung, wie den Tute Bianche, als eine Art soziales Laboratorium für einen neuen Typus von außerparlamentarischer Politik mit transnationaler Ausstrahlungskraft fungiert.

Seit Mitte der 1960er Jahre und im Rahmen der norditalienischen Arbeiter*innenkämpfe fanden Auseinandersetzungen um das Wechselverhältnis von Theorie und praktischer Erfahrung wiederholt Eingang in Entwürfe radikaler Ideen und Praxisperspektiven. Das die Jahrzehnte verbindende Element scheint der (Post-)Operaismus zu sein. Man kann den (Post-)Operaismus als eine neomarxistische Strömung fassen, die sowohl Theorie als auch eine bestimmte Form der politischen und sozialen Praxis bezeichnet, immer gekennzeichnet vom Wechselspiel der spezifischen Erfahrung und Theoriebildung.[4]

Von der Theorie zur Praxis: The italian way

Die Entwicklung des italienischen Operaismus war eingebettet in die Erfahrungen der außerparlamentarischen linken Gegenbewegung, wie sie sich seit den 1960er Jahren in Abgrenzung zu den institutionalisierten Arbeiter*innenorganisationen – etwa den Gewerkschaften des nationalen Gewerkschaftsbundes (CGIL) oder den kommunistischen sowie sozialistischen Parteien (PCI und PSI) – herausbildeten. Der aus dem klassischen Operaismus hervorgegangene Postoperaismus, der in seiner Weiterentwicklung den Protest nicht mehr nur in den Fabriken, sondern in allen Lebensbereichen zu verorten versuchte und dessen Grundannahmen in den 1990er Jahren in die antineoliberale Globalisierungsbewegung einflossen, demonstriert die intellektuelle Anziehung, die sich aus dieser Denktradition zu entfalten scheint.[5]

Und tatsächlich versprechen die operaistischen Deutungsofferten zunächst, Auswege aus dem Dilemma institutionalisierter linker Politik zu liefern: Nicht mehr die ermüdende Kaderschulung der ihres Klasseninteresses nicht bewussten, durch die Interessen des Kapitals geknechteten und entmündigten Arbeiter*innenschaft soll die kollektive Aktion vorbereiten, sondern die Theorie selbst schon als Teil einer selbstbewussten proletarischen Praxis aufgefasst werden.

»TheoretikerInnen tragen nicht mehr ihr Wissen ins Proletariat, sondern Wissen ist als Produktionsmittel und Werkzeug Teil der Organisation der Klasse. […] Es ist das Wissen der ArbeiterInnen […], das es möglich macht, Selbstorganisation und Selbstemanzipation als Überwindung des Kapitalismus zu denken.«[6]

Allerdings: Weder die Entstehung des (Post-)Operaismus noch die Herausbildung dieser spezifischen Theorie-Praxis-Vorstellung lässt sich ohne den Hintergrund der gesellschaftsgeschichtlichen Situation der italienischen Linken verstehen.

Am Anfang war der Aufstand: Die italienische Erfahrung

Als prägender Startpunkt für das erfahrungsbasierte Theorieverständnis wird häufig der Aufstand der FIAT-Arbeiter*innen auf der Piazza Statuto 1962 in Turin genannt.[7] Ausgelöst von einer Streikwelle in den turinischen FIAT-Werken schloss die damalige Unternehmensleitung einen Vertrag mit der sozialistischen Gewerkschaft (UIL), in der Hoffnung, die Streikwelle dadurch beenden zu können. Im Ergebnis erwirkte man zwar partielle Lohnerhöhungen, aber keine substanzielle Verbesserung der Arbeitsbedingungen.[8] Die Entrüstung der Arbeiter*innen ob der kaum zufriedenstellenden gewerkschaftlichen Interessenvertretung mündete in einer Belagerung des UIL-Büros auf der Piazza Statuto in Turin und im Anschluss daran in einer dreitägigen Straßenschlacht.

In diesen gewaltsamen Ausschreitungen offenbarte sich das Ausmaß der Entfremdung zwischen der Arbeiter*innenschaft und ihren klassischen Repräsentationsorganen. Deutlich wurde durch diese Proteste zudem, dass sowohl die klassischen Gewerkschaften als auch die kommunistische Partei (PCI) erheblich an Einfluss und Unterstützung in den Fabriken verloren hatte. Die partei- und gewerkschaftsförmige Linke reagierte verständnislos auf die sich in den Straßenschlachten entladende Wut der Arbeiter*innen.[9]

Eine Reihe junger Intellektueller, darunter auch Mario Tronti und Antonio Negri, solidarisierten sich mit den Arbeiter*innen und begannen im Rahmen der Gründung der Zeitschrift Quaderni Rossi, eine soziale Analyse zur Lage der Arbeiter*innen in Form einer Arbeiter*innenbefragung durchzuführen. Die Gründung der Quaderni Rossi wird als Grundstein zur neomarxistischen Theorie des Operaismus betrachtet. Kernziel der theoretischen Auseinandersetzung in der Quaderni Rossi war es, eine empirische Analyse der Zusammensetzung der Klasse der Arbeiter*innen anhand von Befragungen in Fabriken Norditaliens vorzunehmen. Diese verfolgten insbesondere das Ziel, das kulturelle wie politische Potenzial der Arbeiter*innen in der Gesellschaft zu erfassen.[10] Die theoretische Grundannahme war dabei die Stellung der Arbeiter*innen als mündiges Subjekt. Im Gegensatz zu anderen neomarxistischen Theorieströmungen standen nicht das Kapital und dessen Dynamiken im Mittelpunkt der Analyse, sondern das Kampf- und Selbstbehauptungspotenzial der arbeitenden Masse. Das erarbeitete praktische Programm folgte der Idee, dass die revolutionäre Bewegung sich aus den Fabriken in Form einer solidarisch organisierten Körperschaft der Arbeiter*innen zu entfalten habe – und zwar ausdrücklich nicht mittels der durch Gewerkschaften und kommunistische Partei bekannten Interessenvertretungen, sondern qua autonomer Zusammenschlüsse des Industrieproletariats.[11] Die tiefsitzende Aversion gegenüber institutionellen und damit hierarchischen Organisationsformen ist mit den Händen zu greifen:

»Die Kontinuität des Kampfes ist einfach: Die Arbeiter brauchen nur sich selbst und den Unternehmer ihnen gegenüber. Aber Kontinuität der Organisation ist eine seltene und komplexe Sache: Sobald sie sich in einer Form institutionalisiert hat, wird sie sofort vom Kapitalismus oder von der Arbeiterbewegung im Namen des Kapitalismus benutzt.«[12]

In diesem Zitat Trontis offenbart sich die Kritik der operaistischen Theorie, die auf den italienischen Erfahrungen der nach dem Ende des Mussolini-Faschismus in die Mitte rückenden kommunistischen Partei Italiens (PCI) einerseits und auf den Ergebnissen der Verhandlungen der Gewerkschaften im FIAT-Werk in Turin andererseits beruhte. Ihrer Wahrnehmung nach wurden die Arbeiter*innen durch jene, die sie klassischerweise vertreten sollten, verraten.

1964 wurde um Mario Tronti die Zeitschrift Classe Operaia gegründet. In deren Diskussionen legte man die »[z]entrale Aufmerksamkeit […] auf das Problem der politischen Organisation der Arbeiterklasse und auf theoretische und praktische Intervention […], um mit dem Organisationsaufbau anzufangen«[13]. Im Grunde ist auch dort schon der entscheidende Grund für die spätere Spaltung der operaistischen Denker Tronti und Negri angelegt: die Schwierigkeit, eine solche antiinstitutionelle Gegenbewegung überhaupt zu organisieren.[14] Schon 1968 schloss sich Mario Tronti wieder der PCI und der CGIL (Confederazione Generale Italialiana del Lavora)[15] an – mit der Begründung, dass nur eine Arbeiter*innenorganisation im institutionellen Sinne ein nützliches Werkzeug des Klassenkampfes sein könne.[16]

Antonio Negri hingegen verweigerte sich strikt der Vorstellung einer Reformfähigkeit der klassischen Plattformen. 1969, nach dem erneuten Hochkochen der inzwischen auch durch die Student*innenbewegung erstarkten, teilweise auch militanter gewordenen Arbeiter*innenbewegung, gründete er die Potere Operaio. In den Ausgaben dieser Zeitschrift wurden vor allem Gesellschaftsanalysen und Strategien für eine prozesshafte Veränderung des Status quo diskutiert, die auf ebendiese Problematik reagieren wollten: Der Klassenkampf sollte sich – nun in postoperaistischer Manier – nicht mehr nur aus den Fabriken selbst entfalten, sondern in alle Lebensbereiche hineinwirken.[17] Diese neue Betrachtungsweise drückte sich in den Diskussionen in der Potere Operaio aus. Dem Konzept des klassischen »Massenarbeiters« stellten sie das des »sozialen Arbeiters« gegenüber: »[T]he concept of ›socialized worker‹ was designed to decribe a new political subject, highly educated, produced by the standardization and proletarization of intellectual work, very different from the demoted ›mass worker‹.«[18]

Laut den damaligen Aktivisten Nanni Balestrini und Primo Moroni wurden in dieser Zeit, intellektuell begleitet insbesondere durch Negris Arbeiten in den 1970er Jahren, eine neue politische Partizipationsform und ein neues Selbstverständnis der Möglichkeiten der Masse entwickelt – eine Politik, die von der proletarischen Basis ausgehe, klassenübergreifend gestaltet sei und eine direkte, autonom verwaltete Gegenmacht darstelle.[19]

Insbesondere der Postoperaismus veränderte die linken Strukturen Italiens maßgeblich, unterstrichen durch ein neues Pathos der kollektiven Stärke:

»Diese Erneuerung betraf die Entdeckung des Terrains der Autonomie, den Bruch mit dem Parteiensystem, die Liquidierung des Sozialismus, das Einbringen von kommunistischen Thematiken und die konkrete Kritik an der Lohnarbeit. […] 77 ist der letzte Zeitraum, in dem der Prozeß sich vollzieht, ein Prozeß des Bruchs, vor allem aber ein Prozeß der Kontinuität, ein ›work in progress‹.«[20]

Diese Idee eines neuen Typus der Politik – also einer Veränderung nicht durch abrupte Revolution, sondern durch einen kontinuierlichen, sich durch die Gesellschaft ziehenden Prozesses, der Ablehnung der als kapitalistisch wahrgenommenen Organisationen, der Selbstpositionierung in der Öffentlichkeit und des Versuches, von außen auf politische Institutionen einzuwirken, ohne selbst Teil ihrer Strukturen zu werden – überdauerte den Nukleus der ersten Generation operaistischer und postoperaistischer Aktivist*innen und inspirierte zunächst in den 1980er Jahren insbesondere die Hausbesetzer*innenbewegung in Italien.[21]

Der soziale Kampf erwacht erneut: Die centri sociali und die Entstehung der Tute Bianche

Die centri sociali occupati autogestiti (CSOA, besetzte selbstverwaltete Sozialzentren) sind bis heute bedeutende Orte der autonomen Szene Italiens: »Die Verbreitung der Centri Sociali in den achtziger Jahren ist im Grunde eine Konkretisierung […] neue[r] Ausdrucksformen.«[22] Die centri befinden sich zumeist in ehemaligen Fabriken, Schulen oder anderen öffentlichen Gebäuden an den Stadträndern. Sie sind jedoch häufig schon als Teil der lokalen, nachbarschaftlichen Infrastruktur etabliert. Es ist kein Zufall, dass gerade in den 1990er Jahren in Italien eine linke Gegenbewegung wiedererwachte, die sich zuvor in selbsteroberte Räume wie die centri zurückgezogen hatte. Durch die centri-Bewegung und die Gründung der Basisgewerkschaften, die im Gegensatz zu den Gewerkschaften des nationalen Gewerkschaftsbundes eine von der Basis ausgehende Organisation der gewerkschaftlichen Arbeit kennzeichnet, in den 1980er Jahren hatte sich ein Netzwerk gebildet, das nun aus dem Vollen zu schöpfen versuchte.[23]

Ende der 1990er Jahre kam es zu einem strategischen Kurswechsel. Die Aktivist*innen insbesondere der norditalienischen centri gaben sich bei einem nationalen Treffen 1998 im »Leoncavallo«, einem der ältesten bis heute aktiven centri, ein neues Selbstverständnis, das in Form der »Carta di Milano« schriftlich festgehalten wurde.[24] Thema der Zusammenkunft war vorrangig das Ausbrechen aus der gesellschaftlich isolierten Stellung der centri und ihrer Aktivist*innen, auch infolge der von der Regierung unternommenen Kriminalisierungsbestrebungen. Um der Schwäche der von Isolation und Stigmatisierung gezeichneten centri-Bewegung entgegenzuwirken, umfassten die Ziele insbesondere eine mehrdimensionale Öffnung der centri selbst: einerseits in Richtung der Medien (inklusive einer eigenen medialen Strategie), andererseits in Richtung der Bevölkerung und somit ihrer direkten Nachbarschaft, überdies in Richtung der vormals bekämpften linken Parteien und Gewerkschaften im Sinne einer Bündnisfähigkeit, wie sie drei Jahre später in der Massenmobilisierung für die Proteste gegen den G8-Gipfel in Genua auch tatsächlich Früchte tragen sollte.[25]

Das neue Selbstbewusstsein nährte sich auch aus der Gründungserfahrung der Tute Bianche (TB, dt.: weiße Overalls) 1994. Sie waren aus dem Kern der Aktivist*innen des Zentrums »Leoncavallo« entstanden, nachdem dieses geräumt worden war. Auf die erfolgreiche Mobilisierung gegen die Räumung des centro, auch über den Kern der Aktivist*innen hinaus, folgten weitere öffentlichkeitswirksame Proteste. Die für die Gruppe namensgebenden weißen Overalls, welche die Aktivist*innen bei ihren zahlreichen medienwirksamen Protesten trugen, erfüllten zwei Funktionen: Zum einen förderten sie den Wiedererkennungswert und dienten gleichzeitig dem Schutz des Körpers, der nicht nur symbolisch Widerstand bspw. gegen die Polizei leistete; und zum anderen wurde durch den Verweis auf die klassischen blauen Overalls der Fabrikarbeiter*innen in den norditalienischen Industrien ein direkter Bezug zu den Kämpfen der 1960er und 1970er Jahre hergestellt.

Zitat von Che Guevara an einem centro in Rom: »Um nicht zu kämpfen, wird es in jedem Zeitalter und unter allen Umständen immer viele Vorwände geben, aber ohne den Kampf kann niemals Freiheit erlangt werden« [eigene Übersetzung]. Bild: Anne-Kathrin Meinhardt

Die Farbe Weiß stehe, so die Aktivist*innen, aber auch symbolisch für die strukturelle Unsichtbarkeit der Arbeitslosigkeit, die Entmenschlichung der Arbeitsprozesse und die Entrechtlichung der Lohnarbeitenden im postfordistischen Kapitalismus:

»Das Konzept der ›tute bianche‹ bezieht sich auf die Analyse des Übergangs vom Fordismus zum Postfordismus. Ein Akkumulationsregime, das auf Massenproduktion in der großen Fabrik und dem Fließbandarbeiter mit seiner parzellisierten Beschäftigung als zentrale Figur der Produktion und des Konflikts beruht, wird abgelöst von einem flexiblen, netzförmigen Arbeitssystem, in dem die atypische und selbstständige Beschäftigung explosionsartig zunimmt und die Produzenten nicht mehr eine standardisierte, relativ homogene Lebensrealität teilen, sondern in viele verschiedene, plurale Subjektivitäten zersplittern. Das gemeinsame Merkmal bleibt die Enteignung, die jetzt noch größere Ausmaße annimmt, und zwar dadurch, dass das gesamte Leben ›in Wert‹ bzw. ›in Arbeit‹ gesetzt und als Ganzes der kapitalistischen Herrschaft unterworfen wird.«[26]

Der historische Bezug auf die Arbeiter*innenproteste in den 1960er und 1970er Jahren machte sich aber nicht nur in der Protestperformance geltend, sondern spiegelte sich auch im theoretischen Selbstverständnis wider. Die Protagonisten in den weißen Overalls knüpften direkt an den Postoperaismus an, verarbeiteten aber zugleich auch ihre persönlichen Erfahrungen mit dem kapitalismuskritischen Engagement.[27] In ihren Selbstdarstellungen ist das Bemühen spürbar, die theoretische Analyse mit der alltäglichen Praxis in Einklang zu bringen und dabei auch Sensibilität für veränderte soziale Verhältnisse zu üben, wie die Selbstdarstellungen der Aktivist*innen nahelegen:

»Unser Ziel bleibt aber die radikale Transformation des aktuellen Status Quo, die Befreiung vom Zwang der Arbeit, von der Sklaverei der Lohnarbeit, noch viel mehr innerhalb eines Produktionssystems, das die Arbeit massiv reduziert, aber die Bürgerrechte und gar das Existenzrecht weiterhin an die Lohnarbeit koppelt. […] Es handelt sich um einen revolutionären Geist, der sich von der praktischen Erfahrung nährt […]. Wir stehen für ein neues und starkes revolutionäres Projekt, radikal und subversiv: Nur dass es eben Charakteristika annimmt, die ganz anders sind, gerade weil die historischen Bedingungen sich verändert haben. Es ist das gesellschaftliche Sein, welches das Bewusstsein bestimmt und nicht anders herum. Das bedeutet auch, dass alle theoretischen Hypothesen und Formen der politischen Aktion und sozialen Praxis sich unvermeidbar in Ideologien, in puren ›Idealismus‹ verwandeln, wenn sie aus dem konkreten historischen Kontext heraus getrennt werden, wenn sie über die Zeit, die sie hervorgebracht hat, hinaus konserviert werden.«[28]

Am Ende geht es um die Organisation: Genua 2001 und die i disobbedienti

Höhepunkt und gleichzeitig Ende der TB bildete der G8-Gipfel in Genua 2001. Die brutalen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und dem großen Bündnis, das sich um die TB, die in Genua erstmals ihre weißen Overalls ablegten, um im Kollektiv mit den anderen Gruppen aufzugehen, gebildet hatte, hinterließen einen tief sitzenden Schock. Zwar konnte man nun auf Erfolgserlebnisse zurückblicken: Die italienische Gegenbewegung hatte die Möglichkeit eines schlagkräftigen und mobilisierungsfähigen Bündnisses linker und linksradikaler Gruppen auch über die Landesgrenzen hinweg bewiesen, hatte ein Netzwerk gestiftet, welches die Macht der Masse hinter sich zu versammeln wusste. Genua 2001 wurde ein Leuchtfeuer der internationalen globalisierungskritischen Bewegung:[29]

»Genua repräsentierte durch Beteiligung, Form und Struktur das Bild einer neuen Bewegung, die aus dem Schatten der Bewegungen des 20. Jahrhundert heraustritt, die neue Binnenverhältnisse aufbaut, die intensiv mit der Gesellschaft kommuniziert und zu Parteien und Gewerkschaften – von denen manche Teil der Bewegung sind – in ein anderes Verhältnis tritt.«[30]

Aber dennoch: Die staatliche Exekutivmacht war mit beispielloser Brutalität gegen die Demonstrant*innen vorgegangen, ein Menschenleben hatten die Auseinandersetzungen gefordert. Die Genua-Erfahrung führte daher zugleich zur Auflösung der TB. Deren Aktivist*innen verschwanden indes nicht einfach, sondern sammelten sich in der breit organisierten und durchaus kämpferischer auftretenden Formation der i disobbedienti (zu Deutsch: die Ungehorsamen).[31] Noch bis 2003 ließ sich in Italien eine gesamtgesellschaftlich wirksame politische Radikalisierung beobachten: In diese Zeit fallen einige Massenproteste, für welche die Aktivist*innen der i disobbedienti einen Schulterschluss mit den Gewerkschaften, insbesondere den Basisgewerkschaften, und einer Splittergruppe der italienischen kommunistischen Partei (PCI), der Partito della Rifondazione Comunista (PRC, zu Deutsch: Partei der kommunistischen Wiedervereinigung), eingingen. Diese Zusammenschlüsse ermöglichten insbesondere eine verbesserte Finanzierung und personelle Aufstockung der disobbedienti-Bewegung. Dennoch kam es 2003 zum Zusammenbruch: Man zerstritt sich über die alte Frage der Kooperation mit institutionell verankerten Bündnispartner*innen, insbesondere über die inhaltliche Zusammenarbeit und die Organisationsfrage:

»In view of the forthcoming election, as the PRC reconcentrated upon participation in a center-left coalition to replace the Berlusconi government, the relationship between the Disobbedienti and PRC/GC changed. The financing for Global magazine and Global TV projects was withdrawn. During the preparation of a demonstration against the EU summit in Rome in October 2003, a conflict developed between the GC and the members of Disobbedienti who came from the Tute Bianche. Each accused one another of not sticking to prior agreements. At the same time, there was growing unease on the part of PRC, who were preparing to take power, in relation to the growing radical nature of the movement.«[32]

Vonseiten der PRC wurde einigen führenden Köpfen der i disobbedienti angeboten, sich bei der Europawahl 2004 als Kandidat*innen für die PRC aufstellen zu lassen. In der Folge traten ein Teil der Aktivist*innen in die Partei ein und traten auf deren Wahlliste an; andere wendeten sich resigniert ab. Aber nicht nur Individuen, auch einige Mailänder centri, darunter das »Leoncavallo«, unterstützen offiziell die Linie der PRC.[33]

In der sich so vollgezogenen letztlichen Auflösung des i disobbedienti-Projekts zeigt sich erneut, inwiefern sich die Organisationsfrage häufig als Schicksalsfaden kapitalismuskritischer und antifaschistischer autonomer Bewegungen erweist. So wie Mario Tronti sich 1968 wieder der kommunistischen Partei zuwandte, zerbrachen auch die TB und in deren Nachfolge die i disobbedienti an der Zusammenarbeit mit der PCR 2003.

Die Schlachtrufe, die zunächst wie eine naive Beobachtung auf deutschen Demonstrationen wirken mögen, rekurrieren also auf eine fast sechzigjährige Erzählung der Kämpfe der italienischen Linken: eine lange, durchaus auch bewegende und faszinierende Geschichte von Erfolg und Rückschlag, auf die zurückgeblickt werden kann und deren theoretische Ausflüsse sich in einer Sehnsucht nach dem italian way durch die Nachahmung ihrer Rhetorik, trotz der gesellschaftsgeschichtlichen Differenz, auch hierzulande immer noch wiederzufinden scheinen.

[1] Birkner, Martin/Foltin, Robert: (Post-)Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitude. Geschichte & Gegenwart, Theorie & Praxis. Eine Einführung, Stuttgart 2010, S. 7.

[2] Vgl. Foltin, Robert: Post-Autonomie. Von der Organisationskritik zu neuen Organisationsformen?, Münster 2016, S. 30.

[3] Zwar wird hier von Arbeiter*innen gesprochen, doch in der Empirie der historischen Arbeiter*innenbewegung in Italien waren Frauen* größtenteils nicht vertreten.

[4] Vgl. Mudu, Pierpaolo: Introduction: Italians Do It Better? The Occupation of Spaces for Radical Struggles in Italy, in: Antipode, Jg. 50 (2017), H. 2, S. 447–455, hier S. 447.

[5] Vgl. Birkner/Foltin: (Post-)Operaismus, S. 11 f.

[6] Ebd., S. 9.

[7] Vgl. Foltin: Post-Autonomie, S. 30.

[8] Vgl. Foltin, Robert: Autonome Theorien – Theorien der Autonomen?, Wien 2015, S. 61.

[9] Vgl. ebd., S. 61 f.

[10] Vgl. Mudu, Pierpaolo: Where is Hardt and Negri’s Multitude? Real Networks in Open Spaces, in: ACME: An International E-Journal for Critical Geographies, Jg. 8 (2009), H. 2, S. 211–244, hier S. 223.

[11] Siehe Foltin: Autonome Theorien, S. 60 f.

[12] Tronti, Mario: Lenin in England, in: Classe Operaia, H. 1/1964, URL: https://www.wildcat-www.de/dossiers/operaismus/co1_tron.htm [eingesehen am 30.01.2020]. Deutsche Übersetzung aus: Balestrini, Nanni/Moroni, Primo (Hg.): Die goldene Horde. Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien, Berlin 1994, S. 92–100, hier S. 99.

[13] Balestrini/Moroni: Die goldene Horde, S. 92.

[14] Vgl. Mudu: Where is Hardt and Negri’s Multitude?, S. 223.

[15] Die CGIL ist der Italienische Nationale Gewerkschaftsbund.

[16] Vgl. Foltin: Autonome Theorien, S. 64 f.

[17] Vgl. ebd.

[18] Mudu: Where is Hardt and Negri’s Multitude?, S. 224.

[19] Vgl. Balestrini/Moroni: Die goldene Horde, S. 425 f.

[20] Balestrini/Moroni: Die goldene Horde, S. 425.

[21] Vgl. Mudu: Introduction: Italians Do It Better?, S. 447 f.

[22] Raparelli, Francesco: Von der Niederlage 1977 zur »Bewegung der Bewegungen«, in: Azzellini, Dario (Hg.): Genua. Italien, Geschichte, Perspektiven, Berlin 2002, S.77–87, hier S. 81.

[23] Vgl. Mudu: Where is Hardt and Negri’s Multitude?, S. 214.

[24] Carta di Milano in italienischer Sprache unter URL: http://www.ecn.org/leoncavallo/26set98/ [eingesehen am 01.02.2020].

[25] Vgl. Weiss, Stephanie: Körper. Kommunikation. Konflikt. Zur Geschichte, Taktik und Aktionsformen der Tute Bianche und der Disobbedienti in Italien, in: Grundrisse. Zeitschrift für linke Theorie und Debatte, URL: https://www.grundrisse.net/grundrisse25/koerperKommunikationKonflikt.htm [eingesehen am 01.02.2020].

[26] Azzellini: Die »Tute Bianche« – Weisse Overalls. Interview.

[27] Vgl. Azzellini, Dario: Disobbedienti/Tute Bianche, in: Ness, Immanuel (Hg.): The International Enyclopedia of Revolution and Protest, [o.O.] 2009, S. 1006–1010, hier S. 1006, URL: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/9781405198073.wbierp0465 [eingesehen am 01.02.2020].

[28] Azzellini: Die »Tute Bianche« – Weisse Overalls. Interview.

[29] Vgl. Azzelini, Dario: Einleitung, in: Azzellini, Dario (Hg.): Genua. Italien. Geschichte. Perspektiven. Berlin 2017, S. 7 f.

[30] Ebd., S. 7.

[31] Vgl. Azzelini, Dario: Die Bewegung der Bewegungen Genua 2001 und 2002, in: Azzellini, Dario (Hg.): Genua. Italien. Geschichte. Perspektiven, Berlin 2017, S. 9–36, hier S. 13.

[32] Azzellini: Disobbedienti/Tute Bianche, S. 1009.

[33] Vgl. ebd.