Wie steht es um die Stabilität des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Niedersachsen? Welche Zentrifugalkräfte und Konfliktdynamiken sind in Zukunft zu erwarten? Dieser anspruchsvollen und vielschichtigen Frage geht die Forschungs- und Dokumentationsstelle (FoDEx) an der Georg-August-Universität Göttingen nach. FoDEx widmet sich der Analyse und Deutung politischer Mentalitätstrends in Niedersachsen, und zwar ausgehend von Gruppen oder Zusammenschlüssen, die sich (in ihren Vorstellungen, Ideen oder Handlungen) als Gegner einer von ihnen identifizierten etablierten bundesrepublikanischen oder niedersächsischen Mehrheitsgesellschaft verstehen. Zu den Aufgaben von FoDEx zählen Forschung, Dokumentation und Vermittlung.

Unsere Forschungsperspektive

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von FoDEx fassen politischen Streit als elementaren Bestandteil demokratischer Aushandlungsprozesse auf. Soziale Konflikte – inklusive Unmut, Enttäuschung, Wut oder Protest – können ein stabilisierender und vitalisierender Faktor der Demokratie sein, indem sie stetigen Veränderungsdruck auf die Gesellschaft ausüben. Uns interessieren daher die konkreten Ermöglichungs- und Hemmungsfaktoren sowie Auswirkungen gegenkultureller politischer Mentalitäten, Gesellungsweisen und Aktionsformen auf unsere Demokratie.  Gerade in Zeiten, in denen rechtsradikale politische Kräfte erstarken und das gesellschaftliche Konfliktpotenzial spürbar wächst, erlaubt eine Perspektive, die auch die Wechselwirkungen mit der Mehrheitskultur untersucht, dringend benötigte Beiträge zu einer systematischen Forschung, Dokumentation und Vermittlung.

Als verklammernde Untersuchungsperspektive der Forschungsstelle dient die politische Kulturforschung im qualitativen Verständnis Karl Rohes. Wir unterscheiden tief verwurzelte Grundüberzeugungen einer Gesellschaft oder einer Gruppe (Sozialkultur) von den tagespolitisch beweglichen Rede- und Handlungsweisen, Diskussionsinhalten, Symboliken, usw. (Deutungskultur). Zur politischen Kultur zählen auch regionalspezifische wie übergreifende Traditionslinien des politischen Empfindens, Denkens und Handelns. Deshalb analysieren wir nicht nur aktuelle Phänomene und Entwicklungen, sondern deuten sie überdies im historischen Längsschnitt.

Unsere Forschungsarbeit

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von FoDEx forschen in sechs parallelen Fachbereichen:

  • Rechtsradikalismus
  • Linker Radikalismus
  • Radikaler Islam
  • Historische Aufarbeitung der Geschichte des Niedersächsischen Verfassungsschutzes
  • Niedersächsischer Demokratie-Monitor (NDM)
  • Invektivität und Memeifizierung in (a)sozialen Netzwerken

Die Forschungsbereiche führen jeweils eigenständige Teilprojekte durch. So werden im Rahmen qualitativ-empirischer lokaler Milieustudien schon seit Forschungsbeginn die innerhalb der jeweiligen Milieus (städtische und ländliche Gebiete) agierenden politischen Gruppen und herausragenden EinzelakteurInnen untersucht und mit dem Verhalten der (re-)agierenden parteipolitischen AkteurInnen, Behörden und ExekutivträgerInnen in Bezug gesetzt. Entscheidend für das Herauspräparieren langfristiger Entwicklungen ist die kontinuierliche Erforschung dieser Milieus. Andere Teilprojekte widmeten sich bisher der Rezeption salafistischer Online-Videos, der Geographie politischer Einstellungsmuster und deren mentaler Verankerung in der niedersächsischen Mehrheitsgesellschaft oder dem Radikalisierungspotenzial von Online-Diskussionen.

Dazu wenden wir ein reiches Set an etablierten Forschungsmethoden an, die wir fortlaufend verfeinern. Zur Arbeit von FoDEx zählen Feldaufenthalte und Demonstrationsbeobachtungen, Einzel-, Experten- und Gruppeninterviews, quantitative Umfragen, schließlich die Archivrecherche sowie die Akquise und Systematisierung von Primärquellen.

Rechtsradikalismus

»Rechtsradikalismus« ist Teil und Ausdruck politischer Bewusstseinsformen, ein historisch-kulturelles und politisch spezifisches Ensemble von politischen Einstellungen, Mentalitäten und Gesinnungen. In seinem Zentrum stehen autoritäre Politik- und Gesellschaftsvorstellungen (etwa Antiliberalismus, Rassismus, Geschichtsrevisionismus), die auf die Wiederherstellung imaginierter vordemokratischer Zustände zielen. »Rechtsextremismus« bezeichnet Gesinnungen, die auf die aktivistische, gewaltorientierte Handlung abzielen und sich kollektiv in Zusammenschlüssen, Parteien, Gruppierungen organisieren. Das Ziel unserer Arbeit ist es, langfristig die Strukturdimensionen niedersächsischer rechtsradikaler Mentalitäten auszuloten und deren Ausfasern in oder gar Verflechtung mit der politischen Mehrheitskultur zu ergründen.

Bisherige Ergebnisse: Die Aufarbeitung entscheidender Verdichtungszeiträume und –gebiete des nds. Rechtsradikalismus, genauer: dessen jeweilige Ermöglichungsbedingungen, Verläufe und Effekte konnte realisiert werden. Im Rahmen zweier Studien wurden einerseits Indizien für die tragende Rolle klassischer Hochburgen-Regionen auch für die Etablierung heutiger rechtsradikaler Phänomene gefunden; andererseits ließen sich regionalkulturelle Kontextbedingungen und Aushandlungsmodi dieser Phänomene in ausgewählten Schwerpunktregionen rekonstruieren.

Aktuelle und künftige Forschungsvorhaben: Es ist eine vertiefende Regionalstudie in enger Verzahnung mit dem Niedersächsischen Demokratiemonitor (NDM) beabsichtigt. Es wird gefragt, a) inwiefern die quantitativen und qualitativen Ergebnisse des NDM Aufschluss über die regionale Verteilung politischer Einstellungsmuster erlauben, b) welche Rolle sogenannten LageragentInnen oder auch patrimonialen Familienstrukturen und Netzwerken in der Region zukommt; zudem werden c) die aus den bisherigen Studien gewonnenen Erkenntnisse vertiefend diskutiert und weitergehend angereichert. So soll ein neuartiges Porträt der Geschichte des niedersächsischen Rechtsradikalismus im 20. Jahrhundert mitsamt dessen Fortwirken in der Gegenwart entstehen.

Linker Radikalismus

Unter linkem Radikalismus verstehen wir politisch aktive Personen oder Gruppen, die sich auf die Tradition und das Vokabular verschiedener Bewegungen und Theorien berufen, welche auf die Herstellung gleicher und freier menschlicher Lebensverhältnisse (= Emanzipation) zielen. Man beruft sich etwa auf historische und aktuelle Befreiungsbewegungen oder auf den Marxismus-Leninismus, den Anarchismus, den Antifaschismus, globalisierungskritische Bewegungen, uvm. Linker Radikalismus drückt sich in rhetorischen Stilen und Haltungen, aber auch in Symbolen und Ritualen aus – so etwa in Slogans, aber auch in Gestalt anspruchsvoller Theorien. Und linker Radikalismus lehnt oftmals etablierte Praktiken des Dialogs und des Kompromisses ab, insbesondere politische Parteien. Er kann als Taktik, Strategie und Methode interpretiert werden, als Sammelbegriff für die Mittel, mit denen das Ziel einer »radikaleren«, freieren und gleicheren Gesellschaftsordnung erreicht werden soll. Als Versuch außerparlamentarischer politischer Einflussnahme stellt der Linksradikalismus einen möglichen Prägefaktor politischer Kultur dar, der tief historisch und regional verwurzelt ist.

Bisherige Ergebnisse: Im Rahmen regionalkultureller Milieustudien wurden die gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Rahmenbedingungen linksradikalen Engagements aufgearbeitet. Als entscheidende Einflussfaktoren erwiesen sich im anschaulichen Göttinger Fall etwa das Verhalten städtischer und behördlicher AkteurInnen und der lokalen Öffentlichkeit, aber auch das Auftreten einer starken rechtsradikalen Szene im Göttinger Umland. Darüber hinaus ist aufgefallen, dass linksradikales Engagement auch in Klein- und Mittelstädten wie Hameln, Bückeburg, Einbeck oder Uelzen vorkommt und hier mit Rahmenbedingungen eigener Art zu kämpfen hat – und folglich große Schwierigkeiten hat, langfristig die Aktionsstärke einer sozialen Bewegung aufrecht zu erhalten.

Aktuelle und künftige Forschungsvorhaben: Unklar ist, inwieweit der auf verschiedene Gruppen, Subkulturen und Bewegungen verstreute linke Radikalismus Antworten und Strategien im Umgang mit aktuellen Wandlungsprozessen der politischen Kultur – erstarkende Rechte, Konsolidierung der Klimafrage als zentrales gesellschaftliches Problem, etc. – entwickelt. a) Wird der linke Radikalismus auch in Zukunft (noch) eine Prägekraft der politischen Kultur sein? Verfügt der linke Radikalismus noch über das nötige Organisationswissen und über die gesellschaftsanalytischen Kapazitäten, auf denen seine einstigen Mobilisierungserfolge beruhten? Worin liegen Bedingungen des Erfolgs oder Scheiterns? b) Inwieweit kann er auf Rückhalt vonseiten der Bevölkerung bzw. von lokalen Öffentlichkeiten hoffen? c) Welches sind die künftigen Themen und Vehikel linksradikaler Gesellschaftskritik zwischen Klimafrage, Antifaschismus und Wohnraumpolitik in den Städten bzw. der kontinuierlichen Schrumpfung des ländlichen Raumes? Diese Fragen sollen mithilfe fortgesetzter lokaler Milieustudien beantwortet werden. Darüber hinaus wird d) eine Untersuchung typischer Protestformen des Linksradikalismus in Niedersachsen seit den 1950er Jahren sowie intellektueller Traditionslinien angestrebt.

Radikaler Islam

Als radikalen Islam bezeichnen wir verschiedene politisierte Varianten des Islam, die den gesellschaftlichen (religiösen oder politischen) Status quo in Frage stellen. Sie alle eint darüber hinaus das Verständnis einer spezifischen Mission, die über die reine gottesdienstliche Praxis und über die religiöse Traditionspflege hinausgeht – auch wenn sie untereinander bisweilen in offene Feindschaft treten. Anders als etwa im Christentum erschwert die grundierende starke politische Dimension des orthodoxen Islams dabei oft eine saubere Trennung von »politischem« und »unpolitischem« Islam. Aufgrund ihrer Verankerung in muslimischen Gemeinschaften, der größtenteils nicht-deutschstämmigen Herkunft und der häufigen transnationalen Vernetzung, werden die AkteurInnen des radikalen Islam von der Mehrheitsgesellschaft oft als fremd angesehen, sind in Wahrheit aber Teil der bundesrepublikanischen und niedersächsischen Einwanderungsgesellschaft. Uns interessieren daher nicht nur Moralvorstellungen von radikalislamischen Gruppen und Gemeinschaften sowie deren politische Überzeugungen, sondern auch Übergänge und Brücken in Richtung alltäglicher Mehrheitskultur.

Bisherige Ergebnisse: Neben lokalen Religionsgemeinschaften spielen das Internet und insbesondere die sozialen Medien eine tragende Rolle für die Vernetzung radikalislamischer AkteurInnen. Eine Kurzstudie zur Rezeption salafistischer Online-Videos durch junge MuslimInnen zeigte, dass sich in der Zustimmung zu den dortigen Inhalten keine scharfe Trennlinie zwischen Mainstream-Salafismus und dem nicht-salafistischen orthodoxen Islam ziehen lässt, und dass zustimmende Haltungen auch durch bestimmte Persönlichkeitszüge bedingt sein können, ohne dass Kenntnisse des Korans oder der mündlichen Überlieferung vorliegen müssen.

Aktuelle und künftige Forschungsvorhaben: Aus den bisherigen Ergebnissen resultieren folgende Fragen, die wir künftig untersuchen: a) In welchem Verhältnis stehen die vordergründig in Niedersachsen agierenden zentralen AkteurInnen des radikalen Islam zueinander? b) Welche Inhalte stehen in Predigten in Moscheen des radikalen Spektrums im Vordergrund? Welche Unterschiede gibt es zu orthodoxen Moscheen außerhalb des Spektrums des radikalen Islams? c) Welche allgemeinen politischen Vorstellungen hegen junge MuslimInnen, dabei sowohl in Hinblick auf die Debatten um Diskriminierung, Integration als auch die Herkunftsstaaten ihrer Familien, vor allem die deutsche Debatte um die Türkei? d) Wie wirkt sich das Scheitern des sogenannten Islamischen Staats im Irak und Syrien auf das Spektrum des radikalen Islam in Niedersachsen aus? Durch eine kontinuierliche Präsenz im Feld wird hier der Zugang zu potenziellen GesprächspartnerInnen verbessert.

Niedersächsischer Demokratie-Monitor (NDM)

Weil unser Blick von der politischen Kultur, den milieuförmig organisierten Räumen Niedersachsens, ausgeht, richtet er sich auf die gesamte Gesellschaft und auf sie prägende Strukturen und Mentalitäten. Um als Voraussetzung für eine solche Perspektive repräsentativ etwas über die Verfasstheit der niedersächsischen Bevölkerung in Bezug auf Demokratie aussagen zu können, erstellt FoDEx regelmäßig und erstmals für dieses Bundesland einen »Niedersächsischen Demokratie-Monitor« (NDM). Hierbei handelt es sich um ein interdisziplinäres Forschungs- und Kooperationsprojekt in Zusammenarbeit mit dem Methodenzentrum der Universität Göttingen (Prof. Dr. Steffen Kühnel), welches einerseits statistisch repräsentative, andererseits qualitativ vertiefende Daten (mixed methods) im Zwei-Jahres-Rhythmus erhebt, um Längsschnittentwicklungen politischer Mentalitätstrends zu identifizieren.

Der NDM geht u. a. folgenden Fragen nach: Wie groß ist das Vertrauen der niedersächsischen Bevölkerung in die Demokratie? Wie bewertet sie demokratische Institutionen und Prozesse? Welche gesellschaftspolitischen Probleme, Ängste und Anliegen gibt es und wie viel Vertrauen setzen die Bürgerinnen und Bürger in die Problemlösungskompetenz von Regierung, Politik, Behörden, Gerichten, Öffentlichkeit? Wie blickt die niedersächsische Bevölkerung in die Zukunft?

Invektivität und Memeifizierung in (a)sozialen Netzwerken

Diskussion und Streit zwischen konkurrierenden Deutungskulturen finden in Online-Kommunikationszusammenhängen mitunter besondere Bedingungen vor. Gerade angesichts der häufig beklagten diskursiven Verrohung in den sozialen Medien und des oft diskutierten Rückzugs der User in abgeschottete Filterblasen, welche selbst vor der Verbreitung von »fake news« zu Wahlkampfzwecken nicht zurückzuschrecken scheinen, ist der Bedeutung des Internets für die Entwicklung der politischen Kultur in Niedersachsen nachzugehen. Hierbei gilt es insbesondere die Wechselwirkungen zwischen digitalen Infrastrukturen, ihren Verwendungsweisen und gesellschaftlichen Diskurs- sowie Meinungsbildungsprozessen vor dem Hintergrund eines praktisch-dynamischen Demokratieverständnisses integrativ zu betrachten.

Bisherige Zwischenergebnisse: Narrative der Herabwertung (Invektivität) sind keineswegs ein Spezifikum der Kommunikation in sozialen Medien. Zwar geht es hier häufig direkter, harscher und roher zu, während in herkömmlichen Gesprächssituationen häufiger Rücksicht auf körperlich Anwesende genommen wird. Trotzdem: Bestimmte Themen führen in beiden Fällen schneller zu denselben Mustern der Denunzierung und Herabwürdigung spezifischer (nichtanwesender) Personen und Gruppen. Diese Themen – etwa Flucht, Asyl und Migration oder moralischer Hochmut gegenüber dem politischen Gegner – wirken über sämtliche politischen »Lager« hinweg sozial integrierend. Der digitale Raum, so scheint es, ist zwar ein medialer Kontext, aber keine besondere Quelle herabwürdigender Rede.

Aktuelle und künftige Forschungsvorhaben: Die Unabhängigkeit der analysierten Diskursmuster von ihrem medialen Kontext deutet darauf hin, dass die herabwürdigende Rede in kollektiv geteilten Tiefenschichten des politischen Denkens und Empfindens wurzelt. Das wirft folgende Fragen auf: a) Gehört Invektivität womöglich nicht nur zu politischen Deutungskulturen, sondern ist darüber hinaus fester Bestandteil politischer Sozialkultur? b) Bildet der Themenkomplex »multikulturelle Gesellschaft« ein entscheidendes Scharnier zwischen der Gesamtbevölkerung und den Deutungsangeboten von selbsterklärten Gegnern der Mehrheitsgesellschaft? c) Existieren Unterschiede im politischen Kommunikationsverhalten zwischen VielnutzerInnen und GelegenheitsnutzerInnen politischer Online-Communities? d) In welchem Verhältnis zueinander stehen politische Kultur, Kommunikationsweisen auf digitalen Plattformen und Vorstellungen über Demokratie?

Geschichte des Nds. Verfassungsschutzes

Eine der Hauptmotivationen von FoDEx liegt in der versachlichenden wissenschaftlichen Aufarbeitung heikler, da politisch umkämpfter und emotionalisierter Themen. Dieses Vorhaben erfordert, auch die Sicherheitsbehörden als spezifische AkteurInnen der politischen Auseinandersetzung aufzufassen. Insbesondere die mit weitreichenden Befugnissen ausgestattete niedersächsische Verfassungsschutzbehörde nimmt hier eine zentrale Rolle ein: Sie erhebt zentrale Deutungsansprüche bezüglich Rechtsradikalismus, linkem Radikalismus und radikalem Islam. Ihre Aufgabe ist es, sicherheitspolitische Gefährdungspotenziale zu identifizieren und einzudämmen, weshalb sie diesen von ihr als »extremistische« »Phänomenbereiche« bezeichneten Themen mit einem spezifischen Interesse gegenübertritt. Aufgrund ihrer zentralen Position hinsichtlich staatlicher Intervention und öffentlicher Auseinandersetzungen um linken, rechten und islamischen »Extremismus« interessiert uns die Entwicklung der Praktiken, Deutungsmuster und Sichtweisen, mit denen der Verfassungsschutz diese Arbeitsbereiche definiert und problematisiert.

Daher möchten wir die historische Entstehung und Entwicklung der Institution und ihrer Arbeitsweisen im Kontext gesellschaftlicher Konflikte untersuchen: Wie hat sich diese niedersächsische Behörde in den jeweiligen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrzehnte positioniert? Wie und mit welchen Effekten hat sie im Rahmen ihrer geheimdienstlichen und Öffentlichkeitsarbeit AkteurInnen der politischen Kultur öffentlich etikettiert? Und: Sind die Einschätzungen des Verfassungsschutzes für eine wissenschaftliche Aufarbeitung politisch-kultureller Entwicklungen überhaupt hilfreich? Diese Fragen sollen im historischen Längsschnitt kritisch aufgearbeitet werden.

Die Dokumentations- und Vermittlungsaufgaben

Dokumentation und Vermittlung teilen sich die ForschungspartnerInnen. Während die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek (SUB) überwiegend Schriften aus den jeweiligen Szenezusammenhängen zusammenträgt sowie eine Forschungsbibliothek zur politischen Kultur in Niedersachsen mit den Schwerpunkten Rechtsradikalismus, linker Radikalismus, radikaler Islam und Geschichte des Verfassungsschutzes aufbaut, wird gleichzeitig an einem Forschungsdatenmanagement gearbeitet, welches die durch die Forschung gewonnenen und produzierten Materialien archiviert und zukünftig in anonymisierter Form für weitere wissenschaftliche Arbeiten zur Verfügung stellt.

Die Vermittlung unserer Forschungsergebnisse sowie deren Einspeisung in die gesellschaftliche Debatte erfolgt durch Veranstaltungen und Publikationen, die sich nicht nur auf wissenschaftliche Formate beschränken, sondern sich auch direkt an die interessierte Öffentlichkeit wenden, beispielsweise durch den halbjährlich erscheinenden Werkstattbericht »Demokratie-Dialog«, der Open-Access-Einblicke in den Forschungsprozess gewährt.

Drittens schließlich setzt sich Fodex die Aufgabe, die aus dem Forschungsprozess gewonnenen Erkenntnisse der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und sie in die gesellschaftlichen Debatten einzuspeisen.

Kontakt:

Dr. Matthias Micus: mmicus@fodex-online.de