Welche Wirkung rufen radikalislamische Videoinhalte, die insbesondere zu Missionszwecken (Daʿwa) online verbreitet werden, bei jungen Rezipient*innen hervor? Inwiefern sind die Inhalte solcher Videoclips und deren Präsentation für sie überzeugend? Diese zentralen Fragen haben wir uns bei der Erforschung radikalislamischer YouTube-Propaganda gestellt. Die Antworten, die wir gefunden haben, werden in der im April 2021 erscheinenden Monografie »Radikalislamische YouTube-Propaganda – Eine qualitative Rezeptionsstudie unter jungen Erwachsenen«[1] publiziert. 13 fokussierte Interviews[2], bei denen es sich in der Regel um Doppelinterviews handelte und die 2018 geführt wurden, bilden die Materialgrundlage. Wir sprachen mit insgesamt zwanzig Personen zwischen 18 und 35 Jahren, denen vier verschiedene radikalislamische Videos vorgespielt wurden. Unser Ziel war, dass sich zwischen den zufällig gruppierten Befragten eine Gesprächsdynamik entwickelt, sodass nicht nur auf unsere Fragen geantwortet wird. Zehn der Gesprächspartner*innen sind muslimischen Glaubens, vier Christ*innen und sechs konfessionslos, neun der zwanzig sind Frauen. Trotz unseres Versuchs, eine in Bezug auf sonstige sozio-demografische Aspekte möglichst ausgeglichene Gruppe von Interviewpartner*innen für die Gespräche zu gewinnen, sind Akademiker*innen unter den Befragten über- und Frauen unter den befragten Muslim*innen unterrepräsentiert.[3]

In den Interviews interessierten uns insbesondere die individuellen Hintergründe unserer Befragten, sprich: wie ihre soziale und religiöse Zugehörigkeit bzw. ihr Verständnis von Religion, aber auch in ihrer Lebensrealität relevante aktuelle politische und gesellschaftliche Debatten auf ihre Meinungen Einfluss nehmen. Sind Videos mit radikalislamischen Inhalten für Nicht-Muslim*innen ausschließlich befremdlich oder fühlen sie sich zumindest partiell auch von diesen angesprochen? Welche Rolle spielt das eigene Islamverständnis für die Rezeption solcher Videos durch Muslim*innen? Welche individuellen Dispositionen können identifiziert werden, die die in diesen Clips präsentierten Meinungen anschlussfähig(er) machen? Beziehen muslimische und nicht-muslimische Befragte die islamischen Inhalte auf eigene religiöse oder weltanschauliche Überzeugungen? Lässt sich feststellen, dass das Bild, das die Befragten bereits vom Islam und von Muslim*innen hatten, durch den Konsum der Videos beeinflusst wird?[4]

All diese Fragen werden auf Grundlage der Analyse der Rezeption unserer Gesprächspartner*innen von insgesamt vier Videos eruiert – drei dieser Videos sind im »Talking-Head-Format«, das vierte ist ein Musikvideo, das mit einem Naschid (islamischer A-cappella-Gesang) musikalisch hinterlegt ist.

»Das zieht ganz gut wahrscheinlich bei Leuten, […] die nicht kritisch darüber nachdenken.« – Die gezeigten Videos

Der in Hannover lebende deutschstämmige Konvertit Marcel Krass ist Protagonist des ersten Videos[5], in dem er mit verhältnismäßig großer Sachlichkeit und Ruhe zunächst den Begriff »Scharia« erläutert, um anschließend auszuführen, warum wahre Gerechtigkeit nur von Gott komme und nur durch die Befolgung der Scharia erreicht werden könne. Seine Argumentation, die letztlich auf eine grundsätzliche Delegitimierung staatlicher Autoritäten abzielt, gipfelt in der politischen Vision, dass alle Muslim*innen weltweit einen Staat nach islamischem Recht anstrebten, in dem sie gemeinsam und unter sich leben könnten.

Bei dem zweiten Video[6] handelt es sich um einen Clip des Göttingers Yasin Balas alias »Yasin al-Hanafi«, der keine religiösen, sondern vielmehr politische Inhalte diskutiert. Energisch und mit ausladender Gestik und Mimik prangert er vermeintliche Missstände an. Er wertet insbesondere die deutschstämmige, nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft massiv ab und übt zudem harsche Medienkritik – Journalist*innen seien für ihn die »größte[n] Verbrecher«.[7]

Als drittes Video[8] folgt ein Auszug einer Freitagspredigt von Ahmad Armih alias Ahmad »Abul Baraa«, ein palästinensischstämmiger Prediger des Mainstream-Salafismus.[9] Darin mahnt er emotional und lautstark die rigide, buchstabengetreue Befolgung von Koran und Sunna an. Die deutschstämmige, nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft zeichne sich zuvorderst durch ihre Sündhaftigkeit aus und in Deutschland lebende Muslim*innen sollten somit alles daransetzen, sich von ihr zu distanzieren.

Das letzte Video[10] fällt – wie angedeutet – in unserer Auswahl aus der Reihe. Es ist das Naschid »Ġurabāʾ« (arab. »die Fremden«), das von einem YouTuber mit ästhetischen Bildern hinterlegt wurde und somit einem typischen Musikvideo ähnelt. Der arabische Liedtext ist zwar in Untertiteln gut lesbar übersetzt, dennoch haben die meisten unserer Befragten eher eine sinnlich-emotionale denn inhaltliche Bewertung des Liedes vorgenommen; es wird als »beruhigend« oder »melancholisch« beschrieben. Dabei ist es »eine der bekanntesten Hymnen unter den radikalislamisch orientierten Islamisten«[11], betont Militanz, Unterwerfung unter Allah, Distanz zu Nicht-Gleichgesinnten und Jenseitsgerichtetheit und zielt sowohl musikalisch als auch textlich auf Mobilisierung ab.

Diese Videos bilden die Grundlage unserer Studie, von deren zentralen Ergebnissen der vorliegende Text einige skizzieren möchte. Vorab ist es uns wichtig zu betonen, dass der Begriff des »radikalen Islam« nicht implizieren soll, dass wir Personen innerhalb dieser Gruppe eine spezifische Haltung zur Demokratie oder zu Gewalt unterstellen. Im Gegenteil: Wir fassen darunter eine Reihe diverser Individuen und Bewegungen, die teils in erbitterter Feindschaft zueinander stehen. Was sie für uns innerhalb dieser Kategorie eint, ist ihre Ablehnung des religiösen und/oder politischen Status quo und eine Mission, die über die reine gottesdienstliche Praxis und die Bewahrung religiöser Tradition hinausgeht.

Vorangegangene Studien haben bereits die Reaktionen von (jungen) Menschen auf dschihadistische oder auch rechtsextreme Videoinhalte untersucht.[12] Unsere Arbeit fokussiert sich hingegen bewusst auf Reaktionen auf gewaltfreie und somit prinzipiell weniger offen polarisierende, aber nichtsdestotrotz kontroverse radikalislamische Videoinhalte. Zudem haben wir einen qualitativ-empirischen Forschungsansatz gewählt, da bis dato kaum qualitative Untersuchungen zu diesem Thema durchgeführt wurden. Zwar ist die Verallgemeinerbarkeit derartiger Erhebungen gegenüber Fragebogenstudien mit hohen Fallzahlen geringer, verspricht aber gleichwohl umfangreichere Erkenntnisse zur Rezeption der Inhalte durch die Proband*innen, weil ihnen weit größerer Freiraum gegeben werden kann, ihre Wahrnehmungen zu beschreiben, präsentierte Ansichten zu erklären und zudem lebenslaufspezifische Hintergründe erfragt werden können.

Orientiert an diesen Leitfragen und diesem methodischen Zuschnitt bietet unsere Studie zunächst einen Überblick über die gegenwärtige Forschungslandschaft und leistet einen genuinen Beitrag zur Begriffsdebatte, indem Kritik an den häufig verwendeten Schlagworten »Salafismus« bzw. »Salafist*innen« geübt wird. Stattdessen nehmen wir eine alternative Kategorisierung nach Religionsverständnissen vor, nachdem die mangelnde Trennschärfe einer Salafismus-Kategorie empirisch demonstriert werden konnte. Zudem konnte neben dem Einfluss des Religionsverständnisses der Einfluss von sozialer Zugehörigkeit, die schädlichen Effekte von (antimuslimischem) Rassismus auf die Mehrheit unserer Befragten und die Bedeutung wechselseitigen Bemühens um Zusammenhalt und die Vermittlung eines Zugehörigkeitsgefühls innerhalb unserer Gesellschaft anhand der Gesprächsinhalte gezeigt werden. Zu guter Letzt wurde Wert darauf gelegt, die Inhalte zugänglich aufzubereiten, um nicht nur die Wissenschaftswelt, sondern auch die interessierte Öffentlichkeit als Adressatin anzusprechen.

In den folgenden Abschnitten wird nun zunächst ein kurzer Einblick in die Videos selbst und ihre zugrunde liegenden Wirkmechanismen gegeben, bevor auf ausgewählte Kernbeobachtungen näher eingegangen wird. Wie verändern die bereits angedeuteten wirkmächtigen Einflüsse von sozialer Zugehörigkeit, Religionsverständnis, aber auch bei einigen Befragten beobachtbaren autoritären Tendenzen das Antwortverhalten unserer Gesprächspartner*innen?

»Hebe deinen Kopf, DU hast die Religion der Rechtleitung!«[13] – Einsatz isolationistischer Frames

Allen in der Studie gezeigten Videos ist gemein, dass die Akteure in ihnen von verschiedenen isolationistischen Frames[14] Gebrauch machen, also solchen, die auf die Segregation der angesprochenen Gruppe von der Mehrheitsgesellschaft abzielen. Bei fast allen Videos ist die primär angesprochene Gruppe jene der in Deutschland lebenden Muslim*innen, also die Gruppe, der die Akteure selbst angehören (die sogenannte »Ingroup«). Sie wird entlang religiöser, bisweilen aber auch ethnischer Merkmale definiert.[15] Die Forschung zu Radikalisierungsprozessen hat verschiedene psychologische Schlüsselkomponenten identifiziert, die ein radikales Glaubenssystem ausmachen und die mit derartigen Frames adressiert und gefördert werden können. Dazu gehört die Wahrnehmung von Illegitimität staatlicher Autoritäten, eine gesteigerte Wahrnehmung der Überlegenheit der Ingroup sowie Distanz zu und Losgelöstheit von Mitmenschen und Mehrheitsgesellschaft (der »Outgroup«, also der Gruppe, der man nicht angehört, zu der für die Akteure etwa die nichtmuslimische, deutschstämmige Mehrheitsgesellschaft zählt). Hinzu kommen Radikalisierungsrisikofaktoren, wie ein wahrgenommener persönlicher oder auch kollektiver Mangel, realistische oder symbolische Gruppenbedrohung, wahrgenommene Ungerechtigkeit und erhöhte Ingroup-Identifikation.[16] Die gelisteten Wahrnehmungen können durch das Ansprechen dieser Frames bewusst gefördert werden und verstärken den Glauben der Rezipient*innen an eine starke Kluft zwischen Ingroup und Outgroup.

Es soll hervorgehoben werden, dass von uns keine klassische Radikalisierungsforschung betrieben wurde und auch die Inhalte der von uns gezeigten Videos nicht in die Kategorie dschihadistischer, gewaltverherrlichender und/oder auf Delinquenz abzielender Propaganda fallen. Auch bedeutet das Vorliegen gewisser Vulnerabilitätsfaktoren nicht, dass eine Person zwangsweise einen linear verlaufenden Radikalisierungsprozess begonnen hat und nun als problematisch oder gar gefährlich einzustufen ist. Dennoch bieten die isolationistischen Frames eine gute Analysebasis, um zentrale Themen der Videos zu identifizieren.

Ein Beispiel für den Einsatz des Frames der Distanz zu und Losgelöstheit von den eigenen Mitmenschen ist Krass’ Vision eines Staates, in dem alle Muslim*innen nach islamischem Recht leben könnten. Ein Leben in Deutschland sei für Muslim*innen zwar prinzipiell möglich, aber nicht wünschenswert. Hinzu kommt eine deutliche Delegitimierung staatlicher Autoritäten, denen er die Fähigkeit abspricht, gerechte Entscheidungen für ihre Bürger*innen treffen zu können, da Gerechtigkeit nur von Gott kommen könne.

Bei Yasin al-Hanafi lässt sich der Einsatz gleich mehrerer Frames identifizieren. Zunächst der Frame einer (a) wahrgenommenen Ungerechtigkeit, die sich in Form von westlicher Überheblichkeit und facettenreicher Doppelmoral seitens der Outgroup äußere. Während er diese extensiv betont, erfolgt immer wieder eine (b) gezielte Überhöhung seiner Ingroup (der türkischstämmigen Muslim*innen), die etwa deutlich toleranter allen Religionen gegenüber sei als »die Deutschen«. Hinzu kommt die Darstellung einer (c) potenziellen bzw. realen Bedrohung durch die sich einseitig abgrenzende Mehrheitsgesellschaft in Deutschland, welche die Türkei und Türk*innen bzw. türkischstämmige Menschen, aber vor allem Muslim*innen, spätestens seit dem 11. September 2001 pauschal verurteile. Dieser Hass werde von Medien und Journalist*innen bewusst befeuert, weswegen diese direkt mitverantwortlich dafür seien, dass immer wieder tödliche Gewalt gegen Muslim*innen angewendet werde.

Auch Abul Baraa greift an vielen Stellen auf den Frame (a) der Überhöhung der Ingroup zurück, zum Beispiel bei seinen Versicherungen, dass Gott jene, die – wie er – den Ge- und Verboten von Koran und Sunna folgten, belohnen werde. All jenen hingegen, die von diesen Lehren abwichen, drohten schwere Konsequenzen, womit (b) intergruppenbezogene Ängste hervorgerufen werden sollen. Seine Ausführungen zielen klar darauf ab, bei seinen Zuhörer*innen Angst vor einer Nichtzugehörigkeit zu der von ihm strikt abgesteckten Ingroup der frommen Muslim*innen zu erzeugen. Zudem fokussiert er stark auf einen (c) vermeintlich unumstößlichen Konflikt zwischen den Gruppen der in Deutschland lebenden Muslim*innen und der nicht-muslimischen, an allen Ecken und Enden sündigenden Mehrheitsgesellschaft, die er (d) als eindeutige Outgroup massiv abwertet.

»[…] dann will man den Täter am besten foltern, oder noch schlimmere Sachen antun.« – Einfluss autoritärer Tendenzen

Im Zuge der Auswertung konnten drei Eigenschaften identifiziert werden, die die Rezeption der gezeigten Videos durch die Befragten maßgeblich beeinflusst haben. Erstens konnten bei drei Befragten autoritäre Tendenzen festgestellt werden, die eine vermehrte Zustimmung zu einzelnen, in den Videos präsentierten Thesen nach sich zu ziehen schien.[17] Die Tendenzen äußerten sich gruppenunspezifisch durch gewisse Verschwörungsmentalitäten und/oder autoritäre Aggressionen bzw. Unterwürfigkeit. Beispiele sind etwa die Befürwortung von Körperstrafen, angedeutete Präferenzen für autoritäre Herrschaftsformen und die Ablehnung gewaltfreier Kindererziehung. Da das Auftreten autoritärer Tendenzen jedoch erst im Zuge der Auswertung identifiziert wurde, die Interviews also nicht auf ihre Erfassung abzielten, gibt das Material keine Antwort darauf, wie stark autoritäre Tendenzen, Haltungen oder Persönlichkeiten bei den Rezipient*innen vorhanden sein müssen, um bestimmten Thesen besonders aufgeschlossen zu begegnen.

»Da meinte die Frau: ›Wie können Sie denn so freundlich sein und dem Islam angehören?‹« – Einfluss der sozialen Zugehörigkeit

Zweitens wurde auf den Einfluss sozialer Zugehörigkeit bzw. daraus resultierender Ausgrenzungserfahrungen fokussiert. Häufig finden sich unter den Aussagen der dreizehn nicht-deutschstämmigen Befragten umfangreiche selbst erlebte Beispiele intergruppaler Konflikte, wie sie auch insbesondere in den Videos Yasin al-Hanafis und Abul Baraas thematisiert werden. Dazu gehören Schilderungen klar (alltags)rassistischer Beleidigungen (wie etwa das »Fuck you, Migrants«, das einem Befragten nachgerufen wurde) oder antimuslimischer Rassismus, wie er sich im einleitenden Zitat abzeichnet. Diese selbsterlebten, auch in der deutschen Gesellschaft virulenten Rassismen und das daraus resultierende Gefühl der Ausgegrenztheit gehören zu eben jenen oben beschriebenen Vulnerabilitätsfaktoren, die von Akteuren wie denen in unseren Videos gezielt angesprochen werden können, um die Identifikation mit ihren Inhalten zu befördern. Zudem ist augenscheinlich, dass insbesondere die muslimischen Befragten sich im Gegensatz zu den deutschstämmigen und nicht-muslimischen Interviewten offenbar nicht in der Lage sehen, frei ihre Assoziationen oder Überlegungen zu den geäußerten Argumenten wiederzugeben. Statt ihre Meinungen oder Gedanken zu äußern, fokussieren sich viele ihrer Aussagen auf ihre Sorge um die Außenwirkung dieser Akteure sowie die Folgen, die deren Standpunkte und die Artikulation dieser für ihre eigene Ingroup der Muslim*innen in Deutschland nach sich ziehen könnte. Das ist besorgniserregend, deutet es doch auf ein tief verwurzeltes Gefühl einer von der Mehrheitsgesellschaft implizit oder explizit zum Ausdruck gebrachten Nicht-Zugehörigkeit hin, die sie unter einen permanenten Reflexionszwang und Rechtfertigungsdruck stellt – obwohl sich die Mehrheit dieser Gruppe als klar Deutschland zugehörig fühlt.

»Nicht alles, was Gebot ist, [sollte] auch Gesetz sein.« – Verschiedene Religionsverständnisse

Drittens konnten wir vier verschiedene Kategorien von Religionsverständnissen innerhalb unseres Samples identifizieren, die über eine simple Unterscheidung nach Muslim*innen und Nicht-Muslim*innen (oder salafistisch/nicht-salafistisch) hinausgehen. So konnte insbesondere unterschieden werden, wie offen die Befragten an die Diskussion der verschiedenen in den Videos geäußerten Thesen herangingen und in welchem Ausmaß sie sich zumindest in die diesen zugrundeliegenden Religionsvorstellungen hineinversetzen konnten – zu einer vollen Zustimmung zu allen Videoinhalten kam es in keiner Gruppe. Sieben unserer Gesprächspartner*innen haben wir als orthodoxe Muslim*innen klassifiziert, das heißt, dass sie die Normen des Koran und der authentischen Hadithe[18] als von Gott erlassene, verbindliche Gebote für den Menschen akzeptieren. Durch ihre Kenntnisse von Koran und Sunna und islamischer Theologie fällt es ihnen leichter als anderen Befragten, vor allem die Thesen von Krass’ und Abul Baraa in den Kontext des islamischen Diskurses einzuordnen und punktuell auch zu relativieren. Die anderen drei Muslim*innen unseres Samples hingegen weisen nicht-orthodoxe Islamverständnisse auf. Sie sehen zwar ihr Muslimisch-Sein als Ergebnis einer individuellen Aneignung ihrer Religion, verfügen aber über vergleichsweise geringe Kenntnisse islamischer Glaubensinhalte und sind nicht gewillt, ihr Leben, ihre Mitmenschen oder gar die Gesellschaft primär nach religiösen Regeln zu ordnen und sich einer starren, inflexiblen Interpretation der Religion und ihrer Gebote zu unterwerfen. Folglich lehnen sie auch die in den Videos präsentierten Inhalte häufiger ab. Die zwei religiösen Christinnen[19] in unserem Sample, die eine eigene, dritte Gruppe bilden, zeigten sich aufgrund ihrer Religiosität bestimmten Videoinhalten offener gegenüber. Sie konnten einige der islamischen Inhalte auf ihren eigenen Glauben beziehen und zeigten deshalb teilweise größeres Verständnis für die präsentierten Thesen als die acht nicht-religiösen Befragten. Letztere, die die vierte Gruppe konstituieren, äußerten häufiger allgemeine Religionskritik, die dann auf die in den Videos gezeigten Ansichten übertragen wurde. Zudem wurde grundsätzlicher über gesellschaftliche sowie individuelle Vor- und Nachteile beziehungsweise Kosten-Nutzen-Abwägungen von Religion(en) diskutiert.

Wie die Befragten nun im Detail die Videoinhalte, Rhetorik, Auftreten und Videogestaltung der vier Clips rezipiert haben, welche Konsequenzen der Einsatz der einzelnen Frames konkret hatte, welche Thesen verfingen oder gar überzeugten und welche oftmals schroffe Ablehnung erfuhren, kann ab Ende April im Printformat oder digital nachgelesen werden.

[1] Nach Erscheinen als gebundenes Buch oder PDF (Open Access) verfügbar auf der Seite des Verlags unter Klevesath et al.: Radikalislamische YouTube-Propaganda. Eine qualitative Rezeptionsstudie unter jungen Erwachsenen, Göttingen 2021, URL: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5648-0/radikalislamische-youtube-propaganda/?c=310000099&number=978-3-8394-5648-4 [eingesehen am 28.01.2021].

[2] Diese Form des Interviews zeichnet sich dadurch aus, dass die »subjektiven Erfahrungen der Personen, die sich in [einer] vorweg analysierten Situation befinden«, im Zentrum stehen – die Videos wurden von uns im Vorfeld sequenziert, analysiert und mögliche Reaktionen und Interpretationen der Inhalte herausgearbeitet, um die Rezeption der Interviewpartner*innen (und auch nicht-antizipierte Auffälligkeiten) in der Gesprächssituation gezielt beleuchten zu können. (Merton, Robert K./Kendall, Patricia L.: Das fokussierte Interview, in: Hopf, Christel/Weingarten, Elmar (Hrsg.): Qualitative Sozialforschung, Stuttgart 1993, S. 171–204, hier S. 171). Es sollen nicht nur ihre Reaktionen auf bewusst gesetzte Stimuli dokumentiert werden, sondern die Prädispositionen ausgelotet werden, die beeinflussen, wie und ob das Stimulusmaterial auf ihre individuelle Erfahrungswelt eingeht. Soweit nicht anders gekennzeichnet, stammen alle wörtlichen Zitate im Folgenden aus unserem Interviewmaterial.

[3] Die Monografie knüpft inhaltlich an die 2019 veröffentlichte Kurzstudie von Klevesath et al. »Scharia als Weg zur Gerechtigkeit?« (2019) an, in der bereits erste Ergebnisse aus den Interviews mit muslimischen Gesprächspartner*innen zum erstgezeigten Video Marcel Krass‹ präsentiert wurden (die Studie ist online als Open Access verfügbar, URL: https://www.fodex-online.de/publikationen/studie-scharia-als-weg-zur-gerechtigkeit/ [eingesehen am 28.01.2021]).

[4] Sobald der inhaltliche Teil der Interviews abgeschlossen war, wurden die Gesprächspartner*innen stets über die gezeigten Akteure aufgeklärt, deren in den Videos präsentierten Inhalte eingeordnet und sich daraus ergebende Fragen der Interviewten beantwortet, um zu verhindern, dass sich unsere Erhebung negativ auf das Islambild der Befragten auswirkt.

[5] Vgl. Krass, Marcel: Marcel Krass – Was ist Scharia?, in: Marcel Krass, 30.10.2014, URL: https://youtu.be/VcVMIqxhbSE [eingesehen am 05.02.2021].

[6] Vgl. al-Hanafi, Yasin: Ist Tayyib Erdogan ein Diktator? | YASIN AL-HANAFI, in: Yasin Al-Hanafi – KURZVIDEOS, 15.03.2017, URL: https://youtu.be/dTLCK7cl8As [eingesehen am 05.02.2021].

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. Abul Baraa, Ahmad: Ahmad Abul Baraa – Eine bewegende Rede – Hätte der Prophet dich geliebt?, in: Habibiflo Dawah Produktion, 27.06.2012, URL: https://youtu.be/Q0EMAjeK_qU [eingesehen am 05.02.2021].

[9] Vgl. Wiedl, Nina: Geschichte des Salafismus in Deutschland, in: Said, Behnam T./Fouad, Hazim: Salafismus. Auf der Suche nach dem wahren Islam, Freiburg 2014, S. 411-441, hier S. 411-416. Wiedl definiert Angehörige des Mainstream-Salafismus als unter Nicht-Muslim*innen missionierende, größtenteils puristische Muslim*innen, die teilweise zu Methoden außerparlamentarischer Opposition greifen und teilweise auch salafistische Parteien in muslimischen Ländern offen unterstützen. Abul Baraa jedoch ist strikter Gegner des Engagements in politischen Kampagnen.

[10] Vgl. The Mindist: ᴴᴰ Ghuraba ┇ Nasheed ┇Emotional, 19.08.2014, URL: https://youtu.be/Q11OO8msQdc [eingesehen am 05.02.2021].

[11] Said, Behnam T.: Hymnen des Jihads. Naschids im Kontext jihadistischer Mobilisierung, Würzburg 2016, S. 184.

[12] Vgl. etwa Rieger, Diana/Frischlich, Lena/Bente, Gary: Propaganda 2.0. Psychological Effects of Right-Wing and Islamic Extremist Internet Videos, Köln 2013.

[13] Abul Baraa, Ahmad: Ahmad Abul Baraa – Eine bewegende Rede – Hätte der Prophet dich geliebt?.

[14] »Frames« sind emotional und normativ besetzte Deutungsmuster, innerhalb derer Menschen denken, sprechen und interagieren. »Framing« beschreibt die »Rahmung«, das heißt, die Einbettung einer Information oder Aussage in einen bewusst gestalteten Kontext, die eine bestimmte Interpretation des Kommunizierten nahelegt und so die Meinungsbildung der Rezipient*innen beeinflusst.

[15] In drei der vier Videos ist vordergründig die religiöse Zugehörigkeit zur Gruppe der Muslim*innen (weltweit oder in Deutschland) zentral für die Zugehörigkeit zur Ingroup, in dem vierten wird die ethnische Komponente der Zugehörigkeit zur Gruppe der Türk*innen oder türkischstämmigen Menschen dezidiert herausgestellt.

[16] Vgl. Doosje, Bertjan et al.: »My In‐group is Superior!«: Susceptibility for Radical Right‐wing Attitudes and Behaviors in Dutch Youth, in: Negotiation and Conflict Management Research, Jg. 5 (2012), H. 3, S. 253–268 sowie ders./Loseman, Annemarie/van den Bos, Kees: Determinants of radicalization of Islamic youth in the Netherlands. Personal uncertainty, perceived injustice, and perceived group threat, in: Journal of Social Issues, Jg. 69 (2013), H. 3, S. 586–604.

[17] Bisher wird das Konzept der autoritären Tendenzen vordergründig in der Forschung zu Rechtsradikalismus angewendet. Es basiert auf dem ursprünglich von Erich Fromm spezifizierten und von Theodor Adorno et al. weiterentwickelten (jedoch bis heute kontrovers diskutierten) Konzept des autoritären Charakters (vgl. Fromm, Erich et al.: Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung, Hamburg 1969, S. 77–135; und Adorno, Theodor et al.: Studien zum autoritären Charakter, 10. Aufl., Frankfurt a. M. 2017).

[18] Hadithe sind Berichte (wörtlich »Erzählungen«) von der »Sunna« (also der Praxis oder den Handlungsweisen) des Propheten Mohammed. Zusammen gelten Koran und Sunna als die beiden Hauptquellen der Gebote des islamischen Rechts (der Scharia).

[19] Zwei nominell christliche Befragte wurden als areligiös eingestuft, da ihre formelle Konfessionszugehörigkeit für sie praktisch keine Rolle zu spielen scheint.