Herr Franzmann, Sie sind ab dem 1. April 2021 neuer Direktor des Göttinger Instituts für Demokratieforschung (IfDem) und Leiter der Forschungs- und Dokumentationsstelle zur
Analyse politischer und religiöser Extremismen in Niedersachsen, kurz: FoDEx. Was reizt
Sie an dieser neuen Aufgabe?

Franzmann: Mich reizt insbesondere, dass in FoDEx wie grundsätzlich am Göttinger Institut für Demokratieforschung alle Formen des Radikalismus
und Extremismus, die die Demokratien bedrohen, analysiert werden. Das gibt es ansonsten so in Deutschland nicht und ist ein Alleinstellungsmerkmal. Die Analyse der Demokratiebedrohungen erfolgt vom Prinzip her vorurteilsfrei. Das ist etwas, was ich erhalten möchte und als sehr wertvoll einschätze.

Welche gesellschaftlichen Fragen erachten
Sie im Kontext des Forschungsprojektes FoDEx als besonders dringlich?

Franzmann: Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des gegenseitigen Vertrauens sind die Kernfragen einer jeden politischen Gemeinschaft. Sie sind die großen Zukunftsfragen auch über Niedersachsen hinaus. Jede Form von Radikalismus und Extremismus ist im Grunde eine Misstrauensbekundung gegenüber Politik und Gesellschaft. Wie bislang auch, wird es in FoDEx darum gehen, Normverletzungen im demokratischen Miteinander zu identifizieren,
potenzielle gesellschaftliche Spaltungslinien aufzuspüren und bestehende Radikalisierungsmechanismen zu analysieren. Sie haben sich als Forscher unter anderem
zum Thema Populismus am Beispiel der AfD sowie mit international vergleichenden Arbeiten zu Extremismus und Parteienwettbewerb etabliert.

Welche Schwerpunkte und Fragestellungen wollen Sie insbesondere in die Arbeit von FoDEx einbringen?

Franzmann: Mir ist die Verknüpfung der Befunde zu Niedersachsen mit der internationalen Forschungslage wichtig. Durch den Vergleich mit anderen Regionen können demokratiegefährdende und verfassungsfeindliche Tendenzen schneller aufgespürt werden. Gleichzeitig erleichtert diese Verknüpfung, unsere Befunde einer breiteren Wissenschaftsöffentlichkeit vorzustellen. Inhaltlich ist FoDEx jetzt schon sehr breit aufgestellt, indem einerseits rechter, linker und islamischer Radikalismus analysiert wird, andererseits die Wirkung sozialer Netzwerke analysiert sowie die Geschichte des Niedersächsischen Verfassungsschutzes aufgearbeitet wird. Besonders hervorzuheben ist darüber hinaus der Niedersächsische Demokratiemonitor. Durch die Verknüpfung der großen Bevölkerungsumfrage mit vertiefenden qualitativen Studien erhalten wir hier einen einmaligen Einblick in die politische Kultur Niedersachsens. Diese thematische wie methodische Breite möchte ich beibehalten. Besonders interessiert
mich die Entwicklung semi-loyaler Einstellung zur Verfassung, die wir häufig bei populistischen Parteien beobachten. Aus der internationalen Forschung wissen wir, dass es zum Erhalt und Schutz einer Demokratie darauf ankommt, diese semi-loyalen Personen wieder voll zu integrieren und ihr Vertrauen in die demokratischen Institutionen
wiederherzustellen.

Der Demokratie-Dialog möchte unmittelbare Einblicke in die Forschung von FoDEx geben, ist bewusst als Werkstattbericht konzipiert, um der interessierten Öffentlichkeit Forschungsprozesse zu vermitteln. Inwiefern können Forschende in Ihren Augen selbst von einem solchen Transfer in die Öffentlichkeit profitieren?

Franzmann: Es ist meine Überzeugung, dass Spitzenforschung und Wissenstransfer sich nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig befruchten. Die Notwendigkeit zum Wissenstransfer zwingt uns, neben der wissenschaftlichen die gesellschaftliche Relevanz unserer Forschung im Blick zu behalten. Am Ende wird unsere Forschung dadurch besser.

Zum Abschluss: Sie sagten einmal, dass der Stil der jeweiligen Fußballmannschaft eines Landes auch etwas über seine Gesellschaft verrät. Das müssten Sie uns in Bezug auf
Deutschland bitte erklären.

Franzmann: Fußball transportiert meiner Erfahrung nach besser als jeder andere Mannschaftssport Mentalitäten, Einstellungsmuster und somit in gewisser Weise auch politische Kultur. Wir in Deutschland verstehen Fußballtaktik gerne als starres Nummernkonzept wie 4-4-2, 4-2-3-1 oder 3-4-2-1 usw. Zweikampf- und Laufstatistiken
werden dann in der Öffentlichkeit gerne begleitend oder als Kontrastfolie zu einer ausgearbeiteten Taktik gesehen. Was dabei aus dem Blick gerät, ist, dass es im Mannschaftssport darum geht, sich gegenseitig zu unterstützen –
unabhängig vom System. In funktionierenden Gesellschaften haben die Menschen Vertrauen
zueinander und unterstützen sich. Wir in Deutschland bauen Vertrauen über starre Institutionen auf – das hat in Bezug auf Niedersachsen zuletzt auch der Niedersächsische Demokratiemonitor von FoDEx wieder klar bestätigt – und das zeigt sich halt auch beim Fußball. Als Teenager in den 1990er Jahren begriff ich das in einem Spiel gegen eine niederklassige italienische Mannschaft. Die waren weder athletisch noch fußballtechnisch besser als wir. Aber egal, was wir machten – bei denen stand immer ein weiterer Spieler zu Absicherung bereit, und wenn nicht, dann standen wir im Abseits. Jetzt könnte man das auf die taktische Rückständigkeit Deutschlands zu diesem Zeitpunkt zurückführen. Aber wir bewegten uns ja hier maximal auf Bezirksliganiveau. Zudem war klar erkennbar, dass unsere italienischen Gegner gerade keinen großen strategisch-taktischen Masterplan verfolgten. Sie orientierten sich schlicht in jeder Spielsituation an ihren Mitspielern. Sie erwarteten gar nicht, dass ihnen der Trainer von außen die Taktik erklärte – während bei uns permanent hereingebrüllt wurde, wer alles seine Position halten solle, was viele Mitspieler vom Trainer
auch erwarteten. Aber wer seine Position hält, lässt in manchen Situationen seinen Mitspieler
im Stich. Das passt auch zu internationalen politikwissenschaftlichen Forschungsbefunden zu
Italien: Die Menschen haben dort ein vergleichsweise geringes Vertrauen in politische Institutionen, aber dafür in gesellschaftliche Institutionen wie die Familie, was das mangelnde Institutionenvertrauen im Alltagsleben sowie auf dem Fußballplatz auffängt. Die Analyse der Normerosion im Alltag, die Etablierung einer politischen Kultur, die dann am Ende zu einem Vertrauensverlust in die politischen Institutionen führt, verstehen wir als eine unserer Kernaufgaben in FoDEx und dem Göttinger Institut für Demokratieforschung insgesamt.

Herr Franzmann, vielen Dank für das Gespräch.