Die Frage nach der Zufriedenheit mit dem Zustand oder dem Funktionieren der Demokratie findet sich in fast allen nationalen und internationalen Umfrage-Projekten wie der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage Sozialwissenschaften (ALLBUS), der German Longitudinal Election Study (GLES), dem European Social Survey (ESS) oder dem World Value Survey (WVS). Auch in Niedersachsen erheben wir im Niedersächsischen Demokratiemonitor (NDM) seit 2019 regelmäßig die Demokratiezufriedenheit der Bürger*innen. Interpretiert wird die Frage nach der Demokratiezufriedenheit in der Regel als Indikator für die Legitimität des politischen Systems – und zwar, obwohl eine inzwischen langanhaltende wissenschaftliche Debatte bisher zu keiner Einigung darüber geführt hat, was genau wir eigentlich erfragen, wenn wir nach Demokratiezufriedenheit fragen.

Der vorliegende Artikel versteht sich als Beitrag zu dieser Debatte. Zunächst beleuchten wir die grundsätzliche Relevanz des Konzepts »Demokratiezufriedenheit« für die Politikwissenschaft. Im folgenden Abschnitt wenden wir uns dann dem Item selbst zu und diskutieren zwei Möglichkeiten, wie wir uns der Frage, was wir eigentlich messen, wenn wir nach Demokratiezufriedenheit fragen, annähern können: Erstens untersuchen wir, welche Interpretationen des Items in der Politikwissenschaft vorherrschen. Zweitens validieren wir das Item empirisch, indem wir untersuchen, inwiefern die Unterstützung von Teilaspekten der Demokratie bei den Befragten des NDM mit deren Demokratiezufriedenheit zusammenhängt. Dabei kombinieren wir Literaturrecherchen mit unseren Daten aus dem NDM und präsentieren Befunde zur Demokratiezufriedenheit und zum Demokratieverständnis der Menschen in Niedersachsen. Diese Analysen auf Grundlage der Daten des NDM lassen den Schluss zu, dass die Frage nach der Demokratiezufriedenheit die Befragten zu einer zusammenfassenden Bewertung der Demokratie anregt, die eher auf institutionelle und prinzipielle Aspekte und weniger auf die Bewertung der Leistungen einzelner politischer Akteur*innen zielt.

Der Stellenwert der Demokratiezufriedenheit

Die Bedeutung des Items Demokratiezufriedenheit, das in Umfragen zur politischen Kultur seit Jahrzehnten verwendet wird, rührt her aus der für die Politikwissenschaft zentralen Frage nach der Systemunterstützung in der Bevölkerung. Die Unterstützung oder Legitimität der Demokratie ist von herausragender Bedeutung, da sie direkten Einfluss auf die Stabilität dieser Regierungsform hat. Die Funktion der Legitimität als Stabilitätsanker politischer Systeme betonten bereits die zu Klassikern avancierten Autoren der politischen Kulturforschung Gabriel A. Almond, Sidney Verba[1] und Seymour Martin Lipset[2]. Und auch aktuelle Arbeiten – wie beispielsweise die von David Beetham[3] – betonen die Relevanz politischer Legitimität für die Stabilität politischer Systeme, die sich auch empirisch belegen lässt: Je höher die Demokratiezufriedenheit, desto eher sind Demokratien überlebensfähig.[4]

Demokratiezufriedenheit in Niedersachsen

Abbildung 1: Eigene Berechnung auf der Grundlage des NDM 2019 (Marg et al. 2019) und des NDM 2021 (Schenke et al. 2021).
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Blicken wir auf die Demokratiezufriedenheit der Menschen in Niedersachsen, finden wir im zweitgrößten Flächenland der Bundesrepublik eine recht hohe Systemunterstützung. Sowohl 2019 als auch 2021 sind mehr Menschen zufrieden mit der Demokratie als unzufrieden. Zudem hat die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie im Corona-Jahr 2021 im Vergleich zu 2019 insgesamt sogar noch zugenommen (siehe Abbildung 1).

Was misst der Indikator Demokratiezufriedenheit?

Auch wenn diese Werte zunächst eine gute Nachricht für die Systemunterstützung in Niedersachsen bedeuten, ist allerdings – und damit kommen wir auf die Eingangsfrage zurück – nicht eindeutig geklärt, was die Befragten eigentlich unter »Demokratie« verstehen, wenn sie auf die Frage nach der Demokratiezufriedenheit antworten. Auch in der Politikwissenschaft ist weithin umstritten, was genau eigentlich eine Demokratie auszeichnet. Einem minimalen Demokratieverständnis folgend, wie es zum Beispiel Joseph Schumpeter[5] vertritt, ist eine Demokratie insbesondere durch freie und faire Wahlen charakterisiert. Komplexere Modelle benennen eine erheblich größere Anzahl von Elementen, die eine Demokratie kennzeichnen. Wolfgang Merkels »eingebettete Demokratie«[6] zum Beispiel zeichnet sich durch drei Dimensionen aus: Erstens die wirkungsvolle vertikale Machtkontrolle, also Wahlrecht und Partizipationsmöglichkeiten; zweitens die horizontale Herrschaftskontrolle, also Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit; drittens schließlich die transversale Dimension, die die effektive Ausübung der Macht durch demokratisch legitimierte Amtsträger*innen beschreibt. Schon diese zwei Beispiele eines sparsamen und eines umfassenden Demokratiekonzeptes machen die Bandbreite der politikwissenschaftlichen Vorstellungen zum Demokratiebegriff deutlich.

Wenn bereits in der Fachdisziplin eine solche Vielfalt an Vorstellungen zum Demokratiebegriff vertreten wird, wäre es höchst verwunderlich, wenn die Demokratievorstellungen der niedersächsischen Bürger*innen nicht ebenso vielfältig wären. Zwar zeigt Gal Ariely[7], dass im internationalen Vergleich ein gewisses Grundverständnis von Demokratie vorherrscht, das sich als prozedurales Demokratiekonzept beschreiben lässt und Elemente wie freie Wahlen, Bürgerrechte, Referenden sowie gleiche Rechte für Männer und Frauen umfasst. Ähnliche Befunde liefert der NDM 2019[8], in dem sich jeweils eine große Mehrheit der Menschen in Niedersachsen zu Machtwechseln durch demokratische Wahlen, Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung als unverzichtbare Bestandteile der Demokratie bekennt. Daneben liefert unsere Befragung aber auch recht deutliche Hinweise auf substanzielle Unterschiede im Demokratieverständnis der Menschen in Niedersachsen: Umstritten ist insbesondere, ob zu einer Demokratie auch die Notwendigkeit von Volksentscheiden auf Bundesebene, die Möglichkeit, Konflikte offen auszutragen, und die Frage, ob alle Bevölkerungsgruppen im Parlament repräsentiert sein sollen, gehören. Darüber hinaus stellen beachtliche dreißig Prozent der Befragten das staatliche Machtmonopol, das wesentliche Merkmal von Merkels transversaler Dimension der Demokratie, in Frage.[9] Sowohl in der Politikwissenschaft als auch in der Bevölkerung bleibt der Demokratiebegriff also ein »essentially contested concept«[10].

Wenn nun aber die Stabilität eines politischen Systems tatsächlich von der Zufriedenheit der Bürger*innen mit eben dieser konzeptionell so umstrittenen Demokratie abhängt, so ist es von immenser Bedeutung, genauer zu bestimmen, was wir eigentlich erfragen, wenn wir nach »Demokratiezufriedenheit« fragen. Im Folgenden blicken wir zunächst auf die fachwissenschaftliche Diskussion und wenden uns im Anschluss der empirischen Untersuchung in Niedersachsen zu.

Wissenschaftliche Interpretationen von Demokratiezufriedenheit

Damarys Canache, Jeffery J. Mondak und Mitchell A. Seligson[11] unterschieden bereits vor rund zwanzig Jahren fünf Perspektiven auf den Indikator Demokratiezufriedenheit, die noch heute vorherrschen: Erstens wird Demokratiezufriedenheit als Indikator für die Unterstützung der aktuellen Amtsinhaber*innen interpretiert. Zweitens heißt es, dass es sich um einen Indikator für Systemunterstützung handele. Drittens wird Demokratiezufriedenheit als zusammenfassender Indikator verstanden, der Unterstützung sowohl für Amtsinhaber*innen als auch für das System als Ganzes erfasst. Viertens wird argumentiert, dass das Item Demokratiezufriedenheit zwar ein ungenauer Indikator sei, diese Ungenauigkeit aber akzeptabel sei, da er insbesondere aufgrund der Verfügbarkeit langer Datenreihen für eine große Anzahl von Ländern Analysen ermögliche. Fünftens schließlich wird dafür plädiert, dass – gerade vor dem Hintergrund der offenkundig vorherrschenden Unsicherheiten bezüglich der genauen Bedeutung des Indikators – die Frage nach der Demokratiezufriedenheit besser gar nicht gestellt werden solle.

Pippa Norris[12] nimmt in dieser Kontroverse eine vermittelnde Position ein. Unter Rückgriff auf David Easton[13] hat sie ein Kontinuum der politischen Unterstützung entwickelt, das von spezifischer bis hin zu diffuser Unterstützung reicht. Unter spezifischer Unterstützung, dem einen Pol dieses Kontinuums, versteht sie die Unterstützung für einzelne Amtsinhaber*innen, die stark von der individuellen Bewertung ihrer konkreten Leistungen geprägt ist, und daher mit den persönlichen politischen Präferenzen der Befragten variiert. Diffuse Unterstützung am anderen Ende des Kontinuums bezeichnet die prinzipielle Unterstützung der Menschen für die Demokratie als Idee. Eine Mittelposition zwischen spezifischer und diffuser Unterstützung auf diesem Kontinuum nehmen laut Norris das Vertrauen in einzelne politische Institutionen wie das Parlament oder die Regierung sowie Bewertungen der Performanz des politischen Systems ein.

Ähnlich der bereits erwähnten Auffassung, nach der Demokratiezufriedenheit ein zusammenfassender Indikator sei, macht Norris’ Idee eines Kontinuums klar, dass es sich bei dem Item um ein Messinstrument handelt, das sowohl Bewertungen der Leistungen einzelner Akteur*innen als auch der politischen Institutionen und sogar der Demokratie als Prinzip erfasst.

Trotz dieser konzeptionellen Klärung bleibt jedoch nach wie vor offen, in welchem Maße die Befragten sich bei der Beantwortung der Frage nach ihrer Demokratiezufriedenheit von spezifischen oder von diffusen Überlegungen zu den einzelnen Komponenten der Demokratie leiten lassen. Ebenfalls ungeklärt bleibt, ob einzelne Bevölkerungsgruppen systematisch unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe heranziehen oder ob die Mischung aus spezifischer Leistungsbewertung und diffuser Demokratiebewertung über unterschiedliche Gruppen hinweg homogen ist.

Empirische Validierung des Items Demokratiezufriedenheit

Wenden wir uns nun der empirischen Validierung des Items zu. Dazu untersuchen wir, ob die Antworten auf unsere Frage nach der Demokratiezufriedenheit mit Bewertungen von Akteur*innen, Institutionen und Prinzipien auf verschiedenen Positionen des von Pippa Norris präsentierten Kontinuums zwischen spezifischer und diffuser Unterstützung zusammenhängen. Am spezifischen Pol des Kontinuums fragt man zum Beispiel nach dem Vertrauen in einzelne Amtsinhaber*innen und in die Zufriedenheit mit deren Amtsführung. Am diffusen Pol des Kontinuums kann man nach der Unterstützung für bestimmte Prinzipien der Demokratie wie der Gleichheit aller Bürger*innen oder der Rechtsstaatlichkeit fragen. In der Mitte des Kontinuums liegt die Beurteilung einzelner Institutionen eines politischen Systems.

Bereits 1993 präsentierten Harold D. Clarke, Nitish Dutt und Allan Kornberg Hinweise darauf, dass hohe Werte bei der Demokratiezufriedenheit in Kanada sowohl mit positiven Bewertungen der Amtsinhaber*innen als auch des politischen Systems insgesamt einhergehen.[14] Zu ähnlichen Ergebnissen kommen Analysen zu Rumänien und El Salvador, wo sich zusätzlich noch Zusammenhänge mit der Unterstützung für die Demokratie als Prinzip zeigen.[15] Wiederum zeigt sich also, dass die Frage nach der Zufriedenheit mit dem Zustand der Demokratie Bewertungen auf ganz unterschiedlichen Hierarchiestufen auf dem von Norris vorgeschlagenen Kontinuum anregt.

Mit Blick auf Unterschiede im Demokratieverständnis verschiedener Bevölkerungsgruppen lässt sich zeigen, dass diese tatsächlich existieren. So unterscheiden sich die Zusammenhänge zwischen der Demokratiezufriedenheit und anderen Bewertungen des politischen Prozesses bei Menschen mit hohem im Vergleich zu Menschen mit geringem politischem Wissen. Ein Zusammenhang zwischen hoher Demokratiezufriedenheit und einer Unterstützung für die Demokratie als Prinzip findet sich nur bei denjenigen mit hohem politischem Wissen.[16] Dies lässt sich als Hinweis darauf interpretieren, dass die Antworten auf die Frage nach der Demokratiezufriedenheit für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen unterschiedliches meinen. Wenn dem so wäre, könnte man die Demokratiezufriedenheit über diese Gruppen hinweg nur schwerlich vergleichen und der Indikator wäre somit kein geeignetes zusammenfassendes Maß für die politische Legitimität eines Systems.

Doch wie sieht es nun in Niedersachsen aus? Welche Einzelelemente des Kontinuums zwischen spezifischer und diffuser Unterstützung sind hierzulande mit Demokratiezufriedenheit verknüpft? Diese Frage können wir mit Hilfe des NDM 2021 beantworten. Dort stellten wir die Frage »Wie zufrieden sind Sie allgemein mit dem Zustand der Demokratie in Deutschland?« mit den Antwortmöglichkeiten »sehr zufrieden«, »eher zufrieden«, »teils/teils«, »eher unzufrieden« und »sehr unzufrieden«. Die Antworten darauf können wir in Beziehung setzen zu Fragen nach der Problemlösungskompetenz der Politik, zum Vertrauen in einzelne Institutionen und zu Fragen, die sich auf die Unterstützung der Demokratie als Prinzip beziehen. Mit der Frage nach der Problemlösungskompetenz können wir den Pol der spezifischen Unterstützung auf dem von Norris vorgeschlagenen Kontinuum abdecken. Dessen diffusen Pol bilden wir mit dem Index »Demokratieunterstützung« ab, der zwei Fragen zu demokratischen Grundprinzipien kombiniert: Erstens fragten wir, ob die Menschen der Aussage zustimmen, dass eine funktionierende Demokratie ohne politische Opposition nicht denkbar sei; zweitens wollten wir wissen, ob die Menschen der Aussage zustimmen, dass Parteien für die Demokratie notwendig sind. Die dritte Variable, das Vertrauen in die Landesregierung, fragt nach der Unterstützung für eine der zentralen Institutionen des Landes und bildet damit den Mittelbereich des Kontinuums zwischen spezifischer und diffuser Unterstützung ab. Anhand soziodemografischer Charakteristika wie Geschlecht, Alter und formale Bildung können wir anschließend herausfinden, ob sich das Demokratieverständnis systematisch zwischen bestimmten Bevölkerungsgruppen unterscheidet.[17]

Effekt soziodemographischer Merkmale und individueller Einstellungen auf die Wahrscheinlichkeit, zufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie zu sein

Abbildung 2: Eigene Berechnung (logistische Regression) auf der Grundlage des NDM 2021 (Schenke et al. 2021).
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Werfen wir zunächst einen Blick auf die in Abbildung 2 dokumentierten Ergebnisse des Gesamtmodells. Dort sind auf der x-Achse die Wahrscheinlichkeiten abgetragen, dass ein*e Befragte*r zufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie in Deutschland ist.[18] Die Datenpunkte bezeichnen den Effekt, den die jeweiligen Variablen in unserem Modell auf diese Wahrscheinlichkeit ausüben. Statistisch signifikante Effekte auf die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie können wir für diejenigen Variablen nachweisen, deren Konfidenzintervalle (die Linien rechts und links der Datenpunkte) nicht die gestrichelt eingezeichnete Null-Linie schneiden. Wir finden also keine Effekte für Geschlecht und Alter. Die vier übrigen Variablen hingegen sind einflussreich. Den stärksten Effekt auf die Demokratiezufriedenheit hat das Vertrauen in die Landesregierung. Menschen, die der Landesregierung stark vertrauen, sind mit einer um zwanzig Prozent höheren Wahrscheinlichkeit zufrieden mit dem Zustand der Demokratie als diejenigen, die der Landesregierung nicht vertrauen. Die prinzipielle Unterstützung der repräsentativen Demokratie mit Opposition und konkurrierenden Parteien hat einen fast ebenso starken Effekt. Deutlich geringer, aber immer noch messbar, ist der Effekt auf die Demokratiezufriedenheit, wenn die Befragten der Politik die Kompetenz zur Lösung der wichtigsten Probleme im Land zuschreiben und wenn sie das Abitur abgelegt haben. In beiden Fällen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Befragten zu den mit der Demokratie Zufriedenen gehören, um rund fünf Prozent an.

Welche ersten Schlussfolgerungen können wir aus diesen Befunden ziehen? Wir stellen fest, dass die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie – so wie es sich auch in den oben zitierten Studien gezeigt hat – mit den unterschiedlichen Stufen des von Pippa Norris beschriebenen Kontinuums politischer Unterstützung zusammenhängt. Am stärksten ist der Zusammenhang mit Indikatoren, die in der Mitte des Kontinuums oder an dessen diffusem Ende angesiedelt sind: Vertrauen in politische Institutionen wie die Landesregierung (Mitte des Kontinuums) und die prinzipielle Unterstützung der repräsentativen Demokratie (Pol der diffusen Unterstützung) haben beide einen starken Effekt auf die Demokratiezufriedenheit. Auch die Einschätzung, dass die Politik in der Lage ist, die aus Sicht der Bürger*innen wichtigsten Probleme zu lösen, wirkt sich positiv auf die Demokratiezufriedenheit aus. Dieses Item, das dem spezifischen Pol des Kontinuums der Systemunterstützung zuzurechnen ist, hat allerdings einen deutlich geringeren Einfluss auf die Demokratiezufriedenheit unserer Befragten in Niedersachsen.

Wir stellen also auch anhand unserer eigenen Daten fest, dass das Demokratieverständnis der Bürger*innen in Niedersachsen das gesamte Spektrum der spezifischen bis hin zur diffusen Systemunterstützung abdeckt. Im Unterschied zu den oben zitierten Studien hat der spezifische Aspekt der Unterstützung der Demokratie aber nur einen geringen Effekt, es überwiegen institutionelle und prinzipielle Aspekte. Das Item Demokratiezufriedenheit ist somit also auch in Niedersachsen grundsätzlich ein zusammenfassender Indikator. Unsere Befragten scheinen aber dazu zu neigen, die konkrete Problemlösungskompetenz, die stark an einzelnen Akteur*innen hängt, nicht der Demokratie an sich zuzurechnen. Dies ist ein interessantes Ergebnis, da die Demokratie ja gerade davon lebt, dass einzelne Akteur*innen in Wahlen bestätigt oder aber auch abgewählt werden können. Das Demokratieverständnis der Menschen in Niedersachsen kann man daher als aufgeklärt-demokratisch bezeichnen, gerade weil die Beurteilung der Demokratie selbst nur zu einem geringen Maße mit den konkreten (Fehl-)Leistungen einzelner Akteur*innen in Verbindung gebracht wird.

Um das Item Demokratiezufriedenheit aber als zusammenfassenden Indikator für eine solchermaßen aufgeklärte Unterstützung der Demokratie verwenden zu können, muss sich dieses Bild in verschiedenen Bevölkerungsgruppen in möglichst ähnlicher Art und Weise zeigen. Es darf also keine substanziellen, systematischen Unterschiede im Demokratieverständnis zwischen diesen Gruppen geben. Um zu testen, ob solche systematischen Unterschiede im Demokratieverständnis auftreten, vergleichen wir den Effekt unserer drei Variablen zum Demokratieverständnis in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen (Männer und Frauen, Menschen jünger und älter als 65 Jahre, Menschen mit und ohne Abitur).[19]

Unsere Ergebnisse deuten stark darauf hin, dass sich das Demokratieverständnis zwischen diesen Gruppen nicht systematisch unterschiedet. So haben Alter und Geschlecht keinen Effekt auf die Wirkung der Variablen Problemlösungskompetenz, Vertrauen in die Landesregierung und prinzipielle Demokratieunterstützung auf die Demokratiezufriedenheit. Lediglich die formale Bildung macht einen Unterschied, allerdings nur in einem einzelnen Fall und in einem sehr begrenzten Bereich. Abbildung 3 zeigt, wie genau die Wahrscheinlichkeit, dass ein*e Befragte* r zufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie ist, mit dem Vertrauen in die Landesregierung und mit der formalen Bildung zusammenhängt.

Vertrauen in die Landesregierung und Demokratiezufriedenheit bei Menschen mit und ohne Abitur

Abbildung 3: Eigene Berechnung (logistische Regression mit Interaktionstermen) auf der Grundlage des NDM 2021).
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Wie bereits erläutert, steigt die Demokratiezufriedenheit mit zunehmendem Vertrauen in die niedersächsische Landesregierung grundsätzlich an. Dabei liegt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen zufrieden mit der Demokratie sind, bei denjenigen, deren Vertrauen in die Landesregierung sehr gering ist, bei lediglich 20 Prozent. Mit zunehmendem Vertrauen in die Landesregierung steigt diese Wahrscheinlichkeit auf bis zu 70 Prozent an. Die Unterschiede, die sich mit Blick auf die formale Bildung zeigen, lassen sich in Abbildung 3 ebenfalls ablesen. Bei den Befragten, die der Landesregierung nicht vertrauen, hat das Abitur einen leicht negativen, allerdings statistisch nicht signifikanten Effekt. Sie sind etwas weniger zufrieden als diejenigen ohne Abitur, die der Landesregierung ebenso wenig vertrauen. Mit zunehmendem Vertrauen in die Landesregierung kehrt sich dieses Verhältnis um. Bei mittleren Vertrauenswerten sind diejenigen mit Abitur etwas zufriedener als diejenigen ohne Hochschulreife – allerdings sind auch diese Unterschiede statistisch nicht signifikant. Der Anstieg der Zufriedenheit ist bei Menschen mit Abitur aber steiler als bei denjenigen ohne Abitur. Substanziell nachweisbare Unterschiede finden sich erst ab Werten von 0,8 Punkten auf unserer von 0 bis 1 reichenden Vertrauens-Skala (in Abbildung 3 mit einem Kreis markiert).

Für die Frage nach dem Demokratieverständnis der Menschen in Niedersachsen bedeutet das, dass die Demokratiezufriedenheit tatsächlich als ein zusammenfassender Indikator interpretiert werden kann, der von der spezifischen bis hin zur diffusen Unterstützung alle Aspekte der Demokratie umfasst. Dabei fallen aber die spezifischen, akteursbezogenen Aspekte weniger ins Gewicht als Bewertungen der politischen Institutionen und der Demokratie als Prinzip. Dieses aufgeklärte Demokratieverständnis ist zudem über fast alle hier betrachteten gesellschaftlichen Gruppen hinweg homogen, so dass wir es mit einem aussagekräftigen Indikator zu tun haben. Und auch wenn sich nicht exakt sagen lässt, in welchem Maße genau die Frage nach der Demokratiezufriedenheit die Zufriedenheit mit einzelnen Amtsträger*innen, mit politischen Institutionen oder mit der Demokratie als Prinzip abfragt: Eine grundsätzliche Wertschätzung für diese Regierungsform, ihre Prinzipien, Institutionen und Vertreter*innen dürfen wir guten Gewissens ablesen!

Was bedeutet dies für die zukünftige Forschung zur Demokratiezufriedenheit?

Für die weitere Forschung zur Zufriedenheit mit der Demokratie bedeutet dies, dass wir mit der Demokratiezufriedenheit einen zuverlässigen zusammenfassenden Indikator zur Verfügung haben, der es uns erlaubt, die Wertschätzung der Bürger*innen in Niedersachsen für die Demokratie zu analysieren. Allerdings hat die hier präsentierte Analyse der Elemente, die mit der Demokratiezufriedenheit der Menschen zusammenhängen, einen entscheidenden Nachteil: Wir können die beschriebenen Zusammenhänge lediglich indirekt und mit Hilfe statistischer Verfahren aufdecken. Um genauer zu bestimmen, welches Demokratieverständnis bei der Beantwortung der Frage nach der Zufriedenheit mitschwingt, sind weitere Untersuchungen angezeigt, in denen die Menschen direkt nach ihrem Demokratieverständnis befragt werden. Hier bietet sich ein Mix aus quantitativen und qualitativen Methoden an. Studien, die diesen Methodenmix in Deutschland und Rumänien anwenden[20], fragen im Anschluss an die (quantitative) Frage nach der Demokratiezufriedenheit, die – wie im hier ausgewerteten NDM – auf einer Skala mit verschiedenen vorgegebenen Antwortoptionen beantwortet werden soll, in einer offenen Nachfrage (qualitativ) nach dem Frageverständnis der Befragten. Dabei sollten die Befragten beispielsweise in einer von Karin Kurz, Peter Prüfer und Margrit Rexroth durchgeführten Studie folgende Frage beantworten: »Als Sie eben die Frage [nach Ihrer Zufriedenheit mit dem Zustand der Demokratie, Anm.d.Verf.] beantwortet haben, an was haben Sie da gedacht? Was ist Ihnen alles durch den Kopf gegangen, bis Sie die Antwort gegeben haben?«[21]. Dieses so genannte Probing-Verfahren führt wiederum zu dem uns inzwischen wohlbekannten Ergebnis, dass die Beantwortung der Frage von einer Palette an Vorstellungen geprägt ist, die von spezifischer bis zu diffuser Unterstützung der Demokratie reicht. Auch wenn die Befunde von Kurz et al. das Ergebnis der Diskussion hier insofern bestätigen, ist die qualitative Nachfrage zum Demokratieverständnis im Rahmen eines Probings dennoch der Weg, der uns in Zukunft genauere Aufschlüsse zum Frageverständnis der Bürger*innen im Speziellen und zu ihrem Demokratieverständnis im Allgemeinen erlaubt. Auch die qualitativen Vertiefungsstudien zum quantitativen NDM bieten die Möglichkeit, das Demokratieverständnis der Menschen in Niedersachsen noch genauer zu untersuchen.

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Literatur::
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[1]Vgl. Almond, Gabriel A./Verba, Sidney: The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations, Princeton 1963.

[2]Vgl. Lipset, Seymour M.: Political Man. The Social Basis of Politics, Garden City 1960.

[3]Vgl. Beetham, David: The Legitimation of Power, Basingstoke 2013.

[4]Vgl. Claassen, Christopher: Does Public Support Help Democracy Survive?, in: American Journal of Political Science, Jg. 64 (2020), H. 1, S. 118–134.

[5]Vgl. Schumpeter, Joseph A.: Capitalism, Socialism and Democracy, London 1947.

[6]Merkel, Wolfgang: Eingebettete und defekte Demokratien, in: Lembcke, Oliver W./Ritzi, Claudia/Schaal, Gary S. (Hrsg.): Zeitgenössische Demokratietheorie, Wiesbaden 2016, S. 455–484.

[7]Vgl. Ariely, Gal: Democracy-Assessment in Cross-National Surveys: A Critical Examination of How People Evaluate Their Regime, in: Social Indicators Research, Jg. 121 (2015), H. 3, S. 621–635.

[8]Marg, Stine et al.: Niedersächsischer Demokratie-Monitor 2019, Göttingen 2019.

[9]Vgl. Marg et al., hier S. 49.

[10]O’Donnell, Guillermo: The Perpetual Crises of Democracy, in: Journal of Democracy, Jg. 18 (2007), H. 1, S. 5–11, hier S. 6.

[11]Vgl. Canache, Damarys/Mondak, Jeffery J./Seligson, Mitchell A.: Meaning and Measurement in Cross-National Research on Satisfaction with Democracy, in: Public Opinion Quarterly, Jg. 65 (2001), H. 4, S. 506–528.

[12]Vgl. Norris, Pippa: Democratic Deficit.Critical Citizens Revisited, Cambridge 2011, hier S. 24.

[13]Vgl. Easton, David: The political system. An inquiryinto the state of political science, New York 1953; Easton, David: A Re-assessment of the Concept of Political Support, in: British Journal of Political Science, Jg. 5 (1975), H. 4, S. 435–457.

[14]Vgl. Clarke, Harold D./Dutt, Nitish/Kornberg, Allan: The Political Economy of Attitudes toward Polity and Society in Western European Democracies, in: Journal of Politics, Jg. 55 (1993), H. 4, S. 998–1021.

[15]Vgl. Canache/Mondak/Seligson.

[16]Ebd.

[17]Alle drei Variablen sind dichotom als ja/nein-Variablen kodiert: Geschlecht – Befragte*r weiblich; Alter – Befragte*r älter als 65 Jahre; formale Bildung – Befragte*r hat Abitur.

[18]Auch die Variable Demokratiezufriedenheit ist hier dichotom als ja/nein kodiert. Als zufrieden betrachten wir dabei all diejenigen, die »eher« oder »sehr zufrieden« mit dem Zustand der Demokratie in Deutschland sind (vgl. auch Abb. 1).

[19]Im Unterschied zu den Ergebnissen, die wir in Abb. 2 präsentieren, berechnen wir nun die Effekte getrennt für jede der genannten Gruppen. Technisch gesehen handelt es sich dabei wiederum um logistische Regressionsmodelle, diesmal allerdings unter Einschluss sogenannter Interaktionsterme, die uns erlauben, Effekte beispielsweise für ältere und jüngere Menschen getrennt auszuweisen.

[20]Vgl. Canache/Mondak/Seligson; Kurz, Karin/Prüfer, Peter/Rexroth, Margrit: Zur Validität von Fragen in standardisierten Erhebungen: Ergebnisse des Einsatzes eines kognitiven Pretestinterviews, in: ZUMA Nachrichten, Jg. 23 (1999), H. 44, S. 83–107.

[21]Kurz/Prüfer/Rexroth, hier S. 97.